Der arme Poet

»Ich bin ein kranker Zahn.«

Schon nach diesem ersten Satz hüpfte mein Herz frohlockend auf, ahnend, dass ihm dieses Buch gefallen würde. Nach der ersten Seite war ich mir dessen gewiss…

 

Denn Kathrin Groß-Striffler kann zweifellos schreiben. Ich schätze außergewöhnliche Schreibstile über die Maßen, zum Teil mehr als den umschriebenen Inhalt selbst, denn wie schön ist es doch, sich von Zeit zu Zeit, das gleißende Blenden geflissentlich ignorierend, in der Schönheit von Sprache zu sonnen… Dass man Groß-Strifflers Schema, den Trick des steten Rhythmus und der fließenden Satzverknüpfungen nach spätestens 30 Seiten durchschaut, tut dem Buch keinen Abbruch, da dieser assoziative Schreibstil zu den wirren Gedankengängen des Protagonisten passt. Und da wären wir auch schon beim Star der Show, der größten Dramaqueen, die mir je untergekommen ist: Sven Bogner, seines Zeichens verkanntes Genie von Schriftsteller, Preisträger des Alfred-Döblin-Literaturpreises (wie im übrigen auch die Autorin), in vielerlei Hinsicht »ausgehaltener« Ehemann und Meister des Hineinsteigerns. Sein Kopf, sein Verstand, seine Art zu denken ist es, in die wir dank Frau Groß-Striffler eintauchen dürfen…

»Ich, der Schreibende, der Schriftsteller, der Dichter, und in ein Kaff soll ich, keine größere Stadt weit und breit. Wunderschöne Natur, sagt Theresa, es wird dir gefallen, dabei weiß ich, dass es mir NICHT gefallen wird, aber was soll ein Schreibender, Schriftsteller, Dichter sagen, dessen letztes zur Zeit im Handel befindliches Buch mit einer Auflage von dreitausend Stück auf den Markt GEWORFEN worden ist, lächerlichen, erbärmlichen DREITAUSEND Stück, die alle zu verkaufen ein STOLZES ZIEL sei, wie mir der Lektor versichert hat, was also soll ein Schreiber, ein Schriftsteller, ein Dichter, der von seiner Frau AUSGEHALTEN wird, anderes tun, als […] IHR […] hinterherzuziehen.« S.5f

Ich habe selten beim Lesen eines Buches so viel gelacht, den Kopf geschüttelt, Zuneigung und Abscheu empfunden wie bei der Lektüre des armen Poeten, erst recht nicht all dies zugleich. Sven Bogner ist ein wunderbar schrulliger und kontroverser Charakter, der im einen Moment voller Selbstzweifel (wortwörtlich) am Boden liegt und sich im nächsten mit Franz Kafka vergleicht und verächtlich auf die Schrottautoren hinabsieht, deren Werke im Schaufenster der Kaffbuchhandlung ausgestellt werden. In seinen besonders finsteren Momenten überdecken herrliche Fantasiegebilde die Wirklichkeit und machen es einem als Leser nahezu unmöglich, zu unterscheiden, was tatsächlich passiert und was lediglich seiner Vorstellungskraft entspringt (ich sage nur: MORD).

Dass unser Protagonist auf den 232 Seiten keinerlei Charakterentwicklung erfährt, wundert nicht, (Warum auch? ER, der Schreibende, der Schriftsteller, der Dichter wird schließlich missverstanden, ER ist das Opfer. Warum sollte ER sich also ändern?) denn es ist das, was dem uns gebotenen Naturell entspricht. Sein Handeln besteht allein aus Reaktionen auf sein Umfeld, übertriebenen Reaktionen wohlgemerkt. Das Sprichwort, aus der Mücke einen Elefanten zu machen, erreicht bei Bogner vollkommen neue Dimensionen. Seine amüsante Tiraden werden hierbei stets von in Versalien gekleideten Wörtern begleitet, die seine ohnehin deutlich spürbare Aufregung potenzieren.

In seinem egozentrischen Verhalten wirkt er meist wie ein eingeschnapptes Kind, ein zornig aufstampfendes Rumpelstilzchen (wie er selbst an einer Stelle treffend feststellt) und bemerkt nicht, dass er durch seine Verweigerung, Empathie aufzubringen und Kompromisse zu schließen alles zu zerstören droht… Mit »alles« ist in diesem Fall tatsächlich annährend »alles« gemeint, steht mit der angegriffenen Beziehung zu seiner Frau (der er gütigerweise nach anderthalb Jahren nun doch beschließt hinterher zu ziehen) doch auch seine Existenzgrundlage auf dem Spiel. Denn Theresa ist diejenige, die das Geld verdient, während Bogner zuhause in Selbstmitleid und Schreibblockade versinkt und lieber einen Aufstand anzettelt, als das Geschirr zu spülen…

 

Dieses Buch bietet ein höchst unterhaltsames, zugespitztes Bild des Schriftstellerklischees und ist definitiv lesenswert, hat aber eine entscheidende Schwäche, die viele ungewarnte Leser am Ende wohl enttäuscht zurücklassen könnte: die fehlende Geschichte. Liest man den Klappentext, kennt man den Inhalt. Doch es geht dem Buch auch gar nicht um Inhalt. Es geht um Künstlerallüren und Eitelkeiten, Charakterstudien, Schreibprozesse und den allgegenwärtigen Einfluss des Literaturbetriebes. Darum liest sich »Der arme Poet« wie eine Aneinanderreihung von Erlebnissen, die gefühlt zufällig einer Chronologie folgen, wodurch es an Spannung fehlt und eines willigen Lesers bedarf. Es ist also kein Buch, das sich einfach weglesen lässt, es ist vielmehr ein Titel, der gefallen muss, um gelesen zu werden und eben nicht gelesen werden will, um zu gefallen.

 

Kathrin Groß-Striffler | Der arme Poet | Mitteldeutscher Verlag | 232 Seiten | Preis: 18,00 € | ISBN 978-3-95462-995-4

 

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