Das Spiel des dunklen Prinzen

Beim Aufräumen des Dachbodens stürzt die 17-jährige Taija durch einen Spiegel und landet in einer fremden Welt voll Eis und Schnee. Noch ahnt sie noch nichts von der Gefahr, in der sie schwebt. Denn diesen Ort beherrscht seit langer Zeit ein tödliches Spiel. Und sowohl die weiße Königin, als auch der dunkle Prinz suchen noch nach Figuren für eine neue Partie Albtraumschach…

 

»Es hätte so gut werden können.« Wie oft ich mir das während der Lektüre von »Das Spiel des dunklen Prinzen« gedachte habe, vermag ich gar nicht mehr zu sagen. Doch leider war das Buch überhaupt nicht gut. Zum an die Wand schmeißen war es. Und unheimlich frustrierend, verschenkte es doch Unmengen an Potenzial.

Doch bevor wir uns der inhaltlichen Kritik widmen, sei meine Bewunderung für die allgemeine Gestaltung des Taschenbuches ausgesprochen. Nicht nur das Cover und die Illustrationen, sondern auch die einzelnen Seiten waren durch die florale Umrahmung des Textes ein Blickfang.

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Hier endet meine Begeisterung aber auch schon, denn sobald man sich dem Inhalt selbst stellt, gibt es nichts mehr zu lachen. Die Geschichte enthält so viele Schwachstellen, dass meine Erwartungen schon nach wenigen Seiten beißender Enttäuschung weichen mussten.

 

Neben der eigentlichen Handlung liegt die größte Schwäche des Buches in der Ausarbeitung der Charaktere. Tatsächlich handelt es sich um eine überschaubare Anzahl an Figuren, sodass es nicht an Chancen gemangelt hätte, ihnen Tiefe zu verleihen. Stattdessen beschränkte sich die Autorin darauf, ihre Verhaltensweisen durch Dialoge zu erklären, was die Charaktere platt und konstruiert erscheinen ließ und mich daran hinderte, eine Verbindung zu ihnen aufzubauen. Dieses strikt verfolgte Schema des Erzählens, ohne etwas zu zeigen, (also wie es genau NICHT sein sollte) verleitete mich während des Lesens dazu, den Aussagen der Protagonistin immer weniger Glauben zu schenken und sie als ihr (von der Autorin) in den Mund gelegt zu identifizieren. An einer Stelle möchte Taija z.B. ein Pferd streicheln und streckt die Hand aus, wird allerdings weggestoßen, weil das Pferd wohl aggressiv sei. Bis auf ein wütendes Funkeln von Seiten des Tieres geschah in Richtung Taija allerdings rein gar nichts. Dennoch folgt etwas später dieser Gedankengang:

»Was musste man einem Lebewesen antun, damit es so wurde?« (S.85)

Auch in Bezug auf den männlichen Protagonisten fühlte ich mich grundsätzlich veralbert. Taija beschreibt den dunklen Prinzen zu Beginn stets als hasserfüllt, in seinem Verhalten ist davon allerdings nichts zu entdecken. Er erschien mir eher arrogant, nicht grausam. Darum bemerkte ich auch nichts von der vermeintlichen Charakterentwicklung, die Taija in ihm ausgelöst haben soll. Hier wären wir auch schon am nächsten Punkt meiner Liste angelangt: der höchst unglaubhaften und vollkommen unverständlichen Liebesgeschichte. Denn schon nach zwei Tagen Bekanntschaft sitzt der hunderte Jahre alte Prinz (das unterstelle ich ihm einfach mal, da er sich nicht einmal mehr an den Grund für seinen Streit mit der Königin erinnern kann) in seinem Zimmer und schmachtet einer patzigen 17-Jährigen hinterher, mit der er bisher kaum gesprochen hat:

»Umso mehr dieses Mädchen durch seine Gedanken geisterte, umso mehr machte er sich Sorgen um sie.« (S.75)

All das Aufsehen um die Protagonistin stieß bei mir auf taube Ohren. Wie die anderen Figuren wurde auch sie nicht ausreichend ausgearbeitet, sodass sich trotz der Ich-Perspektive keinerlei Gefühle in mir regten und selten eine Atmosphäre geschaffen werden konnte. Immerhin war ein Minimum an Charakterentwicklung in Richtung einer stärkeren, entschlosseneren Persönlichkeit erkennbar, wobei ich diese Persönlichkeit selbst nach Beenden des Buches nicht wirklich mit Eigenschaften beschreiben könnte. Den in meinen Augen am besten geformten Charakter stellte die vor Stereotypen triefende weiße Königin dar, der ich ihre Emotionen und Handlungen im Gegensatz zu allen anderen wirklich abkaufte.

 

Kommen wir nun zum unleidlichen Thema Schreibstil. Hier mangelt es gehörig am Feinschliff, am nötigen Gespür für Melodie und Feinheiten von Sprache, wobei dessen Fehlen durch das Lektorat zumindest an besonders holprigen Stellen hätte geglättet werden können. Meinen Lesefluss behinderte diese Unausgegorenheit zumindest gewaltig. Hier ein paar Beispiele:

»Er hatte im Gegensatz zu den anderen Gegenständen nur eine leichte Staubschicht« S.17
»Die Jagd war keine gewöhnliche Jagd, sondern diente vielmehr als Spiel zur völligen Unterhaltung des Prinzen.« S. 185
»Es schien, als ob ein Gefühl von Machtlosigkeit in jeder Zelle meines Körpers steckte« S. 21

Außerdem scheint die Autorin eine Vorliebe für die Wendung »eine Art« zu pflegen, woraus dann solcherlei Sätze entstanden:

 

»Die Oberfläche verwandelte sich in eine Art Wasser« S.17
»Vor mir thronte ein großes Gebäude, welches an eine Art Stall erinnerte.« S.81
»Eine Art Gewicht drückte auf meine Brust« S.98

Ich kann mir vorstellen, dass die Sätze außerhalb des Zusammenhanges nicht annährend so »dramatisch« erscheinen wie ich es hier darstelle. Doch sie störten mich während der Lektüre immerhin genug, um Klebezettel an den betreffenden Stellen zu hinterlassen. Darum lest am besten einfach mal in die Leseprobe auf der Verlagsseite hinein, um euch ein eigenes Bild zu machen. (Hätte ich das getan, wäre mir eine Menge Ärger und Enttäuschung erspart geblieben) Bevor ich den großen Komplex Schreibe abschließe, möchte ich noch einmal auf einige irritierende Sprach-Momente eingehen. Der Schreibstil ist (entsprechend des jungen Alters der Protagonistin) umgangssprachlich verfasst. Konkret bedeutet das, dass Tajia etwa die Treppe »hinunterfegt«, Leute »über den Haufen rennt« und gegen Dinge »knallt“. Ausdrücke wie »einzig und allein«, »nie und nimmer«, »wie von Geisterhand« und »stockdunkel« fügen sich entsprechend ein. Die angedeuteten verwirrenden bzw. unpassenden Sprach-Momente ereigneten sich dann, wenn diese Umgangssprache durch »poetischere« Beschreibungen ersetzt wurde, die nicht mehr zum Rest passten. So beschreibt Taija Pferde zwischenzeitlich als »Rösser« und anstatt von Klamotten wehen auf einmal »feine Kleider« durch den Wind, der »liebliche Töne« an ihre Ohren trägt. Diese Inkonsistenz des Schreibstils setzt sich in den Charakteren fort.

 

Um nach all dieser Schelte noch einmal zu verdeutlichen, dass ich das Buch im Ganzen keineswegs absolut schlecht geschrieben finde, sondern lediglich nicht so flüssig wie es (in meinen Augen) angemessen gewesen wäre, folgt eine Stelle, die mir wiederum sehr gut gefiel:

»Wir lieferten uns eine rasante Verfolgungsjagd. Treppen hoch, Treppen runter, Gang entlang, Gang zurück, bis ich irgendwann genervt aufgeben wollte. Aber jedes Mal, wenn ich anhielt, blieb das Kaninchen ebenfalls stehen.« S.214

Kommen wir nun auf die Handlung an sich zu sprechen. Problematisch gestaltete sich hier die episodenhafte Einteilung der Kapitel. Es fehlte den einzelnen „Stationen“ oft an Sinn, d.h. an der Funktion für die Verfolgung des roten Fadens. Viel zu oft schweiften die Kapitel ab und warfen Fragen auf, die nie eine Antwort erhielten und führten Charaktere ein, die schlicht weggelassen hätten werden können. Das betrifft insbesondere Figuren und Anspielungen aus Alice im Wunderland, die die Geschichte ganz einfach nicht brauchte, um sich selbst zu tragen. Es schmälerte eher den Eindruck von der kreativen Leistung der Autorin.

 

Denn wie ich anfangs bereits erwähnte, war ich begeistert von der Grundidee des Albtraumschachs und bin es noch. Die Spielregeln und auch das wenige, was man von den Gesetzen der konstruierten Welt mitbekam, sind solide Grundpfeiler für mehr. Für ein mehr, das hier fehlte. Das Potenzial für eine unfassbar epische, atmosphärische und spannende Handlung blieb leider wegen der schwachen Figuren und fehlenden Ambitionen der Autorin unangetastet. Das Ergebnis ist eine Geschichte, die sich an jugendliche, weibliche Fantasy-Leser richtet, die es mit dem Schreibstil nicht ganz so genau nehmen wie ich und gern zwischen den Zeilen lesen, interpretieren, wo es nicht viel zu interpretieren gibt, denn das ist nötig, um die Schwächen von Charakteren, Dialogen und Handlung insgesamt auszugleichen…

 

Ney Skeatcher | Das Spiel des dunklen Prinzen | Zeilengold Verlag | 278 Seiten | 12,99 € | ISBN 978-3946955078

 

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