Farm der Tiere

»1. Alles, was auf zwei Beinen geht, ist ein Feind. 2. Alles, was auf vier Beinen geht oder Flügel hat, ist ein Freund. 3. Kein Tier soll Kleider tragen. 4. Kein Tier soll in einem Bett schlafen. 5. Kein Tier soll Alkohol trinken. 6. Kein Tier soll ein anderes Tier töten. 7. Alle Tiere sind gleich.« S.28

Dies sind die sieben Gebote des Animalismus, der bald nach der Vertreibung des unliebsamen Farmeigentümers auf einem englischen Bauernhof Einzug hält. Angeführt von den Schweinen beginnen die Tiere sich zu organisieren und bestellen die Felder in ihrer neu gewonnenen Freiheit selbst. Doch der Wohlstand währt nicht lange, denn schon bald greift Machtgier um sich und führt dazu, dass die ehemaligen Grundsätze einer nach dem anderen gebrochen werden…

 

Da »Farm der Tiere« nicht zu meiner Schullektüre gehörte, war ich absolut ahnungslos hinsichtlich dessen, was dieser (moderne) Klassiker für mich bereithalten sollte. Zugegebenermaßen war ich anschließend peinlich berührt und schockiert darüber, dass diese Fabel all die Jahre an mir vorbeigegangen ist. Denn was hier scheinbar harmlos und gemütlich beginnt, nimmt schnell an Fahrt auf und macht einem niederringenden Schauspiel an Grausamkeit und blindem Gehorsam Platz, das man für unrealistisch halten will, aber nicht kann, da es leider einige Wahrheiten bereithält.

 

Dass es sich hier um ein politisches Werk handelt, wird schnell deutlich, doch das tatsächliche Ausmaß der historischen Bezüge im Hinblick auf die Oktoberrevolution 1917 in Russland und deren Folgen eröffnete sich mir (die ich nicht allzu fit in der Geschichte der UdSSR bin) erst nach dem Lesen des Wikipedia-Eintrages zum Buch, weshalb wohl eine Menge Andeutungen ungesehen an mir vorbeigezogen sind. Sollte man die Fabel also mit den Augen George Orwells lesen wollen, ist es ratsam, sich in Vorbereitung auf die Lektüre kurz dem geschichtlichen Hintergrund zu widmen, um die zugrundeliegende Handlung über die wesentlichen Akteure hinaus nachvollziehen zu können. Allerdings lässt sich »Farm der Tiere« auch ohne dieses Wissen lesen, da die Botschaft, die sich nicht allein auf die kommunistische Revolution anwenden lässt, deutlich wird.

Kindlers Literatur Lexikon trifft diese (meiner Auffassung nach) auf den Punkt und wird folgendermaßen auf der Rückseite der Diogenes-Ausgabe zitiert:

»Dem Roman liegt die Überzeugung zugrunde, dass alle Revolutionen letzten Endes nur eine Verschiebung im Kaleidoskop der Macht herbeiführen, dass die Grundstruktur der Gesellschaft aber immer die Gleiche bleibt.«

Ich empfehle auch das Nachwort, da der Autor hier nicht nur über den Hintergrund seiner Geschichte, sondern auch über die Pressefreiheit im Groß Britannien seiner Zeit spricht (das Buch erschien erstmals 1945). Die Schilderungen über die Auswirkungen der politischen Verwicklungen auf die Presse- und Literaturwelt des »liberalen« Groß Britanniens sind nicht nur für uns heute überaus interessante Zeitzeugenaussagen, sondern stellten auch zu seinen Lebzeiten eine scharfe Gesellschaftskritik dar:

»Unkritische Loyalität gegenüber der UdSSR ist […] die herrschende Orthodoxie, und wo es um die vermeintlichen Interessen der UdSSR geht, ist man gewillt, nicht nur Zensur, sondern sogar absichtliche Geschichtsfälschung zu dulden.« S.145

Es ist ein düsteres Bild, das Orwell mit »Farm der Tiere« malt und das sich in vielen Episoden der Weltgeschichte bestätigt sieht. Gerade vor diesem Hintergrund tun Schulen gut daran, diese 124 Seiten als Pflichtlektüre zu kennzeichnen, denn die sollte jeder einmal erlebt haben. Nach Experimenten wie »The Third Wave«, die beispielsweise das Buch »Die Welle« und dessen Verfilmung zum Vorbild nahmen, ist zwar bekannt, dass auch das Wissen um menschliche Verhaltensmuster und dessen verhängnisvolle Folgen zu keiner Einsicht führen, doch die Hoffnung stirbt schließlich zuletzt. Insofern: Lest dieses Buch!

 

George Orwell | Farm der Tiere | Diogenes Verlag | 160 Seiten | Preis:  9,00 € | ISBN-978-3-257-20118-5

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