Das Labyrinth von London

Als im British Museum ein altes Relikt gefunden wird, ist die magische Welt außer sich. Denn verborgen hinter allerlei Abwehrmechanismen schlummert ein Gegenstand von ungeheurer Macht, der das Gleichgewicht zwischen Weiß- und Schwarzmagiern verschieben könnte. Die verlustreichen Vorfälle bei ersten Versuchen, das Relikt zu öffnen, verlangen nach einem Wahrsager. Und da alle anderen sich angesichts der jüngsten Ereignisse aus dem Staub gemacht haben, bleibt nur das schwarze Schaf Alex Verus, der alles andere als begeistert ist, als gleich mehrere Fraktionen nach seinen Diensten verlangen und ihn in ein gefährliches Spiel zwischen den Fronten ziehen…

 

Nachdem die schöne Umschlaggestaltung und der originelle Klappentext mich dazu verleiteten, mir das kürzlich erschienene Buch zuzulegen, war ich doch etwas enttäuscht, als der Inhalt meinen Erwartungen nicht gerecht werden konnte. Rückblickend kann ich nicht einmal genau sagen warum, da die Geschichte grundsätzlich einem stabilen Aufbau mit rotem Faden folgt, der in einem actiongeladenen Finale mündet, wobei ein paar mehr Nebenstränge durchaus für mehr »Fülle« hätten sorgen können. Darum kann ich auch nachvollziehen, wenn »Das Labyrinth von London« vielen gefallen und als guter Reihenauftakt empfunden wird, wenngleich sich bei mir die Lust auf einen weiteren Teil eher begrenzt hält.

Der primäre Grund hierfür ist neben den gewöhnungsbedürftigen, teilweise sehr verwirrenden Dialogen wahrscheinlich die Tatsache, dass die Charaktere mir ganz einfach nicht ans Herz wuchsen, trotz der Ich-Perspektive und des ungewöhnlichen Schreibstils. Denn Alex Verus unterbricht sein Erzählen hin und wieder, um in der Gegenwart mit dem Leser zu sprechen oder magische Sachverhalte zu erklären, was ich als interessanten Schreibansatz für die Einbindung einer Weltenerklärung empfand.

»[E]in paar der bösartigsten Dinge da draußen sehen wie absolute Engel aus. Wie zum Beispiel Einhörner. Fangt mir gar nicht erst mit denen an. Aus irgendeinem Grund hat jeder dieses Idealbild von den wunderschönen, unschuldigen Schnee-flöckchen im Kopf. Wunderschön, ja, unschuldig, nein. Hat man mal die Erfahrung gemacht, wie einer von denen versucht, einen zu Hackfleisch zu verarbeiten, weiß man es ganz schnell besser.« S.111f

Vor allem die Charakterzeichnung von Luna, des »Quasi-Lehrlings« unseres Helden war mir angesichts ihrer tragenden Rolle zu dünn. Es mangelte hierbei keineswegs an Versuchen des Autors, ihr durch Alex‘ Gedanken und persönlichere Gespräche mehr Tiefe zu verleihen, doch die meiste Zeit wirkte sie ganz einfach wie der klischeehafte Sidekick, der allein dafür da war, um dem Protagonisten einen weiblichen Charakter gegenüberzustellen und ihn besser dastehen zu lassen. Hinzu kommen die feindlich gesinnten Nebencharaktere, von denen ich mir mehr Substanz gewünscht hätte, wobei deren Vergangenheit zum Teil zwar angeschnitten, dann aber wieder fallen gelassen wurde, was mich daran hinderte, mehr als Figuren in ihnen zu sehen, die der Autor Alex in den Weg stellte, weil die Story das nun einmal verlangte.

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Ein weiterer Kritikpunkt besteht in den Ortsbeschreibungen, die zwar da waren, mich allerdings nur selten dazu brachten, auch ein Bild vor Augen zu haben. Dieses Manko überraschte mich selbst, da ich eigentlich nicht sonderlich hohe Ansprüche daran stelle und mich von übermäßigen Beschreibungen eher gestört fühle. Da Fans der »Die Flüsse von London«-Reihe das hier besprochene Buch empfohlen wird, verweise ich in diesem Zusammenhang auf meine Rezension dazu, weil hier mit nahezu reiseführerähnlichen Ortsbeschreibungen das Gegenteil der Fall ist.

 

Wo wir schon einmal beim Vergleich der beiden Reihenauftakte sind, so rate eher zu »Die Flüsse von London«, das mich zwar auch nicht vollkommen überzeugen konnte, jedoch durch lebendige und sympathische Charaktere besticht. Während dort das Vorgehen analythisch erschlossen werden konnte und Sachverhalte klar begründet wurden, bleiben bei »Das Labyrinth von London« viele Fragen offen. Da es sich um eine Reihe handelt, sind die personenbezogenen Lücken, deren Auflösungen erst groß angeteasert und dann nur im unbefriedigenden Maße erfüllt wurden, wohl noch zu verkraften, die aufgetretenen abenteuerbezogenen Logikfehler jedoch nicht. Da ich nicht spoilern will, sage ich nur so viel: Es gibt eine Lösung und der Held kommt durch schlussfolgern vom Verhalten anderer darauf. Allerdings bleibt offen, woher diese anderen von der Lösung wussten, was, wenn man die Geschichte liest, nicht gerade unbedeutend ist und so einen unliebsamen »Deus ex machina«-Moment auslöst.

 

Trotz all dieser Kritikpunkte möchte ich Ben Aaronovitch-Fans und sonstigen Interessierten nicht zwangsläufig vom Lesen abraten, da die Geschichte an sich und die magische Welt solide strukturiert sind und durchaus gefallen können…

Benedict Jacka | Das Labyrinth von London | blanvalet | 416 Seiten | Preis:  9,99 € | ISBN: 978-3-7341-6165-0

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