Abtrünniges Blut

Liebe Menschen da draußen, es ist etwas geschehen. Etwas, das ich nicht hatte kommen sehen. Etwas Ungeheuerliches. Eine Premiere in vielerlei Hinsicht. Ich habe einen Thriller gelesen. Und er hat mir gefallen.

 

(Denkt euch die Pauken und Trompeten an dieser Stelle.)

 

Doch das Skandalöse daran ist nicht, dass mir zuvor nie ein Thriller/Krimi gefallen hat, für so ein Ergebnis hätte ich solcherlei Bücher schließlich erst einmal lesen müssen. Denn in der Tat hat bis auf Yrsa Sigurðardóttirs »Das letzte Ritual«, das ich im Rahmen eines Island-Seminars lesen musste, nie ein Buch dieser Genres den Weg in meine Hände gefunden. »Ist nix für mich.« Asche auf mein Haupt. Ich bin ein Banause. Ein Banause sondergleichen wenn man bedenkt, dass ich nun auch noch angekrochen komme und die Thriller-bzw. Krimifans unter euch anflehe, mir Empfehlungen für historische Geschichten aus diesen Genres zukommen zu lassen…

 

Doch kommen wir lieber zum Anlass dieser beschämenden Beichte, dem kürzlich erschienenen historischen Thriller »Abtrünniges Blut« von Jakob Bedford. Er spielt im Jahr 1748 und erzählt die Geschichte von John Shinfield, der seit dem tragischen Tod seiner Frau zurückgezogen in einem der weniger attraktiven Viertel Londons lebt und jeglichem gesellschaftlichen Umgang entsagt hat. Zumindest bis eines Tages der neu ernannte Friedensrichter Henry Fielding nach ihm schickt und ihn mit der höchst brisanten Aufgabe betraut, eine Verschwörung der Jakobiter aufzudecken, die König Georg II. vom Thron stürzen und durch den nach Frankreich geflüchteten Stuart-König ersetzen wollen. Während seiner Nachforschungen entdeckt John schnell, dass die Intrige weit größere Kreise zieht, als bisher angenommen und gerät selbst immer mehr ins Fadenkreuz der Gegenspieler…

»Ich frage Sie: Besitzt jemand von Grund auf weniger Genius, weil das Ergebnis seines Tuns moralisch verwerflich ist?« S.481

Während meiner bescheidenen Recherche auf Wikipedia erfuhr ich, dass die Geschichte auf so manch historischer Begebenheit beruht. Es ist zum Verständnis des Thrillers zwar nicht notwendig, aber durchaus empfehlenswert, die Hintergründe zu der Stuart-Entmachtung und den folgenden Aufständen der Jakobiter zu erfahren, da Bedford immer wieder kleine Hinweise auf bestimmte Ereignisse und Persönlichkeiten streut. Interessant erschien mir hierbei die Einbindung Henry Fieldings, der im Roman zwar ein Nebencharakter bleibt, jedoch tatsächlich existierte, ein Schriftsteller, Journalist und seit 1748 Friedensrichter von Manchester, später Middlesex (dies wird ebenfalls im Thriller angedeutet) war. Vielleicht eine kleine Hommage seitens des Autors, der selbst für einige Zeit in Groß Britannien lebte und Literaturwissenschaft studierte, vielleicht aber passte Fielding auch einfach nur gut in die Story, wer weiß.

 

Hinsichtlich der Charaktere hatte ich nichts zu meckern, sie alle waren (abgesehen vom Antagonisten, auf den später eingegangen wird) ihrer Bedeutung für die Geschichte entsprechend gefüllt mit Eigenschaften und Eigenarten, sodass vom Paradiesvogel über die mysteriöse Schönheit hin zu zwielichtigen Gestalten glaubhafte Figuren nahezu jeglicher Coleur vertreten waren. Unser Protagonist John war mir wegen seiner leicht verschrobenen, unangepassten Art sympathisch, wenngleich mich seine hin und wieder auftretende Begriffsstutzigkeit etwas genervt hat. Er wirkte in Kombination mit einem bestimmten Charakter, auf den hier wegen Spoilergefahr nicht weiter eingegangen werden soll, eher wie ein Sidekick, denn wie der Held der Geschichte. Ich fühlte mich das ein ums andere Mal an Watson und Sherlock erinnert, so viel sei gesagt.

 

Vor allem aber mochte ich Bedfords Liebe zum Detail, die mühelos die (historische) Stimmung erzeugen und Bilder vor meinem inneren Auge erwecken konnte. Etwa die Feststellung, dass nah eines Flusses wohl kaum Kellerräume zu erwarten wären, oder die Beschreibung von Beeten, die zum Schutz vor der Kälte mit Stroh bedeckt wurden, Straßenhändler, die den Insassen von Kutschen gusseiserne Pfannen anpreisen, oder das Erwähnen von Dekorationsgegenständen wie »[c]hinesische[n] Vasen, eine[r] goldene[n] Uhr in Form eines Pfaus mit gespreiztem Rad, griechische[n] Statuen« (S.312).

 

Auch der Schreibstil überzeugte mich restlos und bedarf angesichts des folgenden Beispiels keiner weiteren Huldigung:

»Scharen vermummter Bediensteter und in ihren modischen Ensembles Pariser Couleur gnadenlos frierender Damen frequentierten die Geschäfte wie emsige Ameisen. Heraus aus einer Tür, hinein in die nächste. Ein riesiger bunter Jahrmarkt, Eis und Schnee zum Trotz. Geld und Eitelkeit kannten keine unpassende Witterung.« S.80

Der Thriller wird mit der Beschreibung »Eine Mischung aus Jack the Ripper und Jane Austen« vermarktet. Ich hielt das zunächst für Effekthascherei, einen wenig berechtigten Marketing-Move, denn einmal abgesehen davon, dass Austens Werke erst Anfang des 19. Jahrhunderts veröffentlicht wurden und der Ripper noch weit später sein Unwesen in London trieb, konnte ich mir nicht vorstellen, dass der Thriller vor allem die Seite Austens (denn Parallelen zum Ripper gab es durch Morde an Prostituierten und den Schauplatz London eindeutig) irgendwie berühren würde. Doch tatsächlich fand ich mich in unzähligen spitzfindigen Unterhaltungen mit Vertretern der höheren Gesellschaftsschichten wieder, wo nicht nur über politische oder geschäftliche Themen schwadroniert, sondern auch ordentlich gelästert wurde, Verkupplungsversuche und Schwärmereien inklusive. Es war ein Fest. Die aufgesetzte Höflichkeit, die unterschwelligen Beleidigungen, die übertriebene Unterwürfigkeit, der Ton wurde perfekt getroffen.

 

Dennoch: Durch die Details und vor allem die Ausführlichkeit, mit der etwa solche Dialoge ausgebreitet wurden, blieb ein wesentlicher Punkt mitunter (vor allem im letzten Drittel) etwas auf der Strecke: Die Spannung. Und (wie ich Banause bei der Recherche der Unterschiede zwischen Thriller und Krimi herausfand, denn beide Genres waren für mich bisher immer eine Suppe; empfohlen seien an dieser Stelle folgende Ausführungen: Bücherwahnsinn, Krimischule, Die Schreibtrainerin) Spannung ist das tragende Element eines jeden Thrillers. Ich würde nicht so weit gehen und behaupten, dass die zuweilen etwas lang geratenen Dialoge mich davon abgehalten hätten, weiterzulesen, denn das war nicht der Fall. Ich wollte durchaus wissen, wie es ausgeht. Aber sie bewirkten doch, die Energie, den Enthusiasmus, die Neugier, die mich in Erwartung von anstehenden Zusammentreffen und Ereignissen packte, zu dämpfen. Kürzungen hätten den knapp 600 Seiten, vor allem aber ihrem Spannungsbogen in meinen Augen gut getan.

 

Zuletzt ein paar Worte zu meinem wohl größten Wehrmutstropfen: Der Auflösung bzw. dem Aufeinandertreffen der Gegenspieler, das ich mir etwas spektakulärer vorgestellt hatte. Der Hang Bedfords zu ausgedehnten Dialogen hätte sich hier vollends entfalten können, eine klassische, übertrieben lange Schurkenrede, die hätte ich mir gewünscht. Doch woher den Inhalt nehmen, wenn es schon dem Charakter an Tiefe fehlt, vor allem hinsichtlich der Motive. Das mag etwas hart klingen, denn der Antagonist wurde durch einzelne Kapitel aus seiner anonymisierten Sicht durchaus schon früh eingeführt, ebenso wie die (überraschende) Auflösung durch Anspielungen vorbereitet wurde. Doch die Person, die sich schließlich als Schurke offenbart und der anonyme Antagonist wollten sich für mich nicht so recht ineinanderfügen. Allem voran fehlte mir ein stichhaltigeres Motiv.

 

Doch genug der negativen Kritik, schließlich sollt ihr keinen falschen Eindruck von meinem Fazit bekommen: »Abtrünniges Blut« ist und bleibt absolut lesenswert für Thriller- und Krimiliebhaber, aber auch für Leute wie mich, die nie ein Buch dieser Genres gelesen haben, aber der festen Überzeugung sind, dass es nichts für sie wäre. Und es gibt Grund zur Freude: Da so mancher Strang noch unbeantwortet bleibt und der Autor auf seiner Website ähnliches andeutet, scheint eine Fortsetzung von John Shinfields Abenteuern wahrscheinlich…

 

Vielen Dank an den Dittrich Verlag für das Rezensionsexemplar!

 

Jakob Bedford | Abtrünniges Blut | Dittrich Verlag | 596 Seiten | Preis:  19,90€ | ISBN 9783947373161

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