Warum Katzen malen. Eine Theorie der Katzenästhetik

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Zahlreiche Darstellungen von malenden Katzen auf Papyri beweisen, dass schon die alten Ägypter sich der Katzenkunst bewusst waren. Während die Zeichnungen zu jener Zeit noch als göttliches Medium angesehen wurden, fielen später hunderte Katzen den Hexenverfolgungen zum Opfer, sodass das Bewusstsein um diese Kunst  nahezu verschwand. Erst eine im Jahr 1978 ausgestrahlte russische Fernsehsendung über eine malende Katze veranlasste zwei Menschen dazu, sich erneut eingehend mit jener fast vergessenen Kunstform  auseinanderzusetzen…

 

 

Der wissenschaftliche Beitrag, den der Kunstkritiker Burton Silver und die Katzenkunstexpertin Heather Busch 1995 mit ihrem umfassend recherchierten Werk »Warum Katzen malen. Eine Theorie der Katzenästhetik« zum stark vernachlässigten Thema der Katzenkunst leisteten, kann angesichts der lückenhaften Forschungslage nicht hoch genug vermutet werden. Denn dass es sich hierbei um ein wahres Meisterstück handelt, das zu vollendenden über sieben Jahre in Anspruch nahm, bleibt selbst einem Laien wie mir nicht verborgen.

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Anhand von stichhaltigen zeitgeschichtlichen Zeugnissen, detailliert protokollierten Beobachtungen und Experimenten sowie schlüssigen Interpretationen beweisen die Autoren, dass es sich bei der Katzenkunst keineswegs um einfaches, instinktives Reviermarkierungsverhalten handelt, wie die Verhaltensforschung behauptet, sondern um eine gezielte Form von Kommunikation. Insbesondere Hauskatzen konnte aufgrund der fehlenden funktionalen Notwendigkeit der Reviermarkierung ästhetisches Empfinden nachgewiesen werden. Die Kunst reifte hier zum Selbstzweck heran, wobei sowohl gegenständliche Gemälde als auch Stimmungsstücke auftauchten.

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Interessant erschien mir bei ersteren die Tendenz einiger Katzenkünstler zur Kunstrichtung des Invertismus, wobei reale Objekte verkehrt herum gezeichnet werden. Als möglichen, durchaus glaubhaften Grund hierfür führen Silver und Busch die Tatsache an, dass Katzen durchschnittlich drei Prozent ihrer Jagd- und Spielzeit auf dem Rücken liegend verbringen.

Eine weitere spannende Beobachtung der Autoren, die durch ein Experiment nachgewiesen werden konnte, besteht in der Vorliebe vieler Katzenkünstler für die Werke Van Goghs, welche vermutlich mit dessen charakteristischem Stil zusammenhängt, der jener starken, wirren Linienführung der Katzenkünstler ähnelt.

»So hat zum Beispiel der wachsende Marktwert von Katzenkunst zu einigen höchst dubiösen Zuchtprogrammen geführt (vor allem mit Perserkatzen aus Australien). In einigen zum Glück seltenen Fällen wurden Katzen auch darauf dressiert, für eine Belohnung zu ›malen‹. Der geschulte Blick erkennt die Resultate solcher Versuche sofort an ihrem offenkundigen Mangel an künstlerischer Integrität.« S.8f

Wenngleich die Malerei die offensichtlichste Katzenkunst darstellt, existieren noch zahlreiche weitere künstlerische Ausdrucksformen, die im Alltag nur allzu leicht übersehen werden, etwa Wollfäden- und Kleintierinstallationen, Stimmungsbilder im Katzenklo sowie gegenständliche Kunst auf Polstermöbeln. Der aufmerksame Katzenbesitzer wird dank der Ausführungen dieses Buches eine vollkommen neue Sicht auf die kreativen Tätigkeiten seiner Mitbewohner entwickeln können.

Daher ist dieses Buch eine große Empfehlung für jeden Kunst- und Katzenfreund (nicht zuletzt wegen der umfassenden Bebilderung und handfesten Bibliographie mit Klassikern wie »Erotische Pfotografie: Pfotenmarkierungen als Medium sexueller Kommuikation bei schwedischen Hauskatzen« oder »Die ästhetische Bedeutung des Rückwärtsharnens. Neue Aspekte für die Interpretation fäkaler Dekorationen«).

 

Heather Busch/Burton Silver | Warum Katzen malen. Eine Theorie der Katzenästhetik | Taschen Verlag | 96 Seiten | ISBN 978-3822888124

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