Trauer ist das Ding mit Federn

Kurz nach dem Tod der Mutter klingelt es an der Tür und die riesige, stinkende Krähe dahinter verkündet, dass sie so lange bleiben wird, bis die trauernde Familie sie nicht mehr braucht. Fortan sorgt der ungebetene Gast mit seinem ruppigen Charakter und zweifelhaften Weisheiten für Ablenkung und hilft dem zurückgelassenen Ehemann und seinen Söhnen dabei, mit ihrer Trauer umzugehen…

»Er war ein Unfallüberrest, und da wusste ich, der beste Gig überhaupt, ein Riesenspaß. Ich setzte meine Klaue auf einen Augapfel und erwog Ausstechen, aus Jux oder Mitleid. Ich zupfte eine Pechfeder von meinen Scheitel und hinterließ sie auf seiner Stirn für sein Hirn.« S.18

Max Porters viel gelobtes Debut stand lange ungelesen in meinem Regal, da ich nie die vermeintlich passende Stimmung dafür verspürte. Doch nachdem ich kürzlich mit einer Leseflaute zu kämpfen hatte bzw. habe, griff ich (wohl auch aufgrund der geringen Seitenzahl) zu »Trauer ist das Ding mit Federn« und wurde überrascht.

Es ist kein klassischer Roman mit linearer Story. Vielmehr handelt es sich hier um eine Aneinanderreihung von Momentaufnahmen, Szenen, manchmal auch nur Fetzen aus verschiedenen Perspektiven (Krähe, Dad, Jungs) und mit wechselndem Erzähler. Diese Dynamik setzt sich im Schreibstil fort, wo Prosa und Lyrik, Realität und Fiktion verschwimmen, wo Worte wirr, zusammenhangslos, assoziativ aneinandergereiht, gar neu erfunden werden (»Ich eskimoküsste. Ich schmetterlingsschmatzte. Ich flachflatterte einen Jenny-Wren-Kuss.« S.17), sodass ich nicht anders kann, als von einem besonderen Leseerlebnis zu sprechen.

»Aber es ist mir alles andere egal, mitnichten. Außer in Trauer finde ich Menschen langweilig. Die wenigsten, ob in Form, Not, Hunger, Schändlichkeit, Glanz oder Normalität, interessieren mich (interessieren MICH!), aber mutterlose Kinder schon. Mutterlose Kinder sind Krähe pur. Für den sentimentalen Vogel ist es reiflich und reichlich köstlich, ein solches Nest zu plündern.« S.24

Krähe ist ein fantastischer Charakter. Direkt, derb, albern, vulgär, herzlos und rührselig, ambivalent, anders (immerhin ist er eine Krähe). Ich hätte gern mehr aus seiner Sicht gelesen, da sich die Perspektiven des Vaters und der Söhne sprachlich nicht wirklich voneinander unterschieden, was etwas enttäuscht, da Porter es offensichtlich besser kann, zumal seine Vorliebe für Fremdwörter und Anspielungen auf andere Bücher bei den Jungen unangebracht erschienen. Mich beschlich hier und da zugegebenermaßen das Gefühl, dass der Autor auf intellektueller und handwerklicher Ebene etwas zu viel beweisen wollte.

 

Dennoch: »Trauer ist das Ding mit Federn« war ein Buch, das mich berührt hat. Die Trauer und der individuelle Umgang damit waren durch den Wechsel von Distanz und Nähe fassbar, glaubhaft. Ich fühlte mich wie der neugierige Nachbar. Es ist eine Geschichte, die man sicherlich nicht gelesen haben muss, zumal der experimentelle Charakter des Schreibstils nicht jedem gefallen mag. Doch es ist ein ERLEBNIS, das zu entdecken ich jedem nur anraten kann.

 

Max Porter | Trauer ist das Ding mit Federn | Kein & Aber |  126 Seiten | Preis:  9,00€ | ISBN 978-3-0369-5974-0 

 

Die größere Variante mit einem festen Einband gibt’s beim Hanser Verlag!

 

 

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