Das Schreckgespenst

Bücher wandern von Stapel zu Stapel. Keins gut genug. Abgebrochen. Abgebrochen. Abgebrochen. Dann lieber das Regal neu ordnen. Diesmal nach Autoren. Nicht schön. Also zurück zu den Farben. Noch immer kein Buch gefunden. Neue gekauft. Nichts. Alte gekauft. Auch nichts. Dann Netflix. Und was ist mit dem Blog?

Kurzum: Die Leseflaute hat mich fest im Griff. Doch nach zäher Lektüre konnte ich jüngst zumindest ein Buch beenden: »Das Schreckgespenst« von Nikolai Leskow.

 

Die Erzählung, erstmals 1885 veröffentlicht, wird aus der Sicht eines adligen Achtjährigen geschildert, der mit seinen Eltern aufs Land zieht. Die Dorfbewohner berichten mit Schrecken vom Hexenmeister Seliwan, der die hohe Pacht seiner abgelegenen Herberge nur aufbringen kann, weil er mit den Waldgeistern im Bunde steht, die ahnungslose Reisende durch Schneestürme in seine hinterhältigen Arme tragen, aus denen sie nicht lebend entkommen werden…

 

Ähnlich wie bei der »Schatzinsel« blickt der erwachsene Protagonist auf diese längst vergangenen Ereignisse zurück, was neben einer Prise Humor im Hinblick auf die Gedankengänge seines jüngeren Ichs auch gewisse Spannungsmomente ermöglicht:

»Ich gehorchte, wie mir der Müller angeraten hatte, diesem Verbot der Bauern bis zu dem Augenblick, da der entsetzliche Fall eintrat, daß ich selber Seliwan in die Klauen fiel.« S.19

Auch wenn die einleitende, vor allem aber passive Hälfte für meinen Geschmack etwas zu lang geraten ist, so werden der Mythos um das Schreckgespenst Seliwan und die Furcht der Dorfbewohner durch die zunehmenden, beunruhigenden Vorkommnisse wunderbar illustriert.

»Wo er sich auch blicken ließ, in welcher Gestalt es auch immer sein mochte, man durchschaute ihn stets und überall […]. Selbst als er sich eines Tages der List bediente, als neues, frisch geteertes Wagenrad auf die Straße zu rollen und sich zum Trocknen in die Sonne zu legen, entdeckte man ihn, und die umsichtigen Leute schlugen derart auf das Rad ein, daß sowohl Narbe wie Speichen in winzigen Stücken nach allen Seiten flogen.« S.26

Leskow versteht sich darauf, Bilder vor dem inneren Auge zu kreieren und Stimmungen zu erzeugen. Wenngleich ein gewisses Maß an Vorhersehbarkeit die Geschichte begleitet, war ich mir der Auflösung bis zuletzt nicht vollkommen sicher und fieberte mit. Trotz Leseflaute. Das wertvollste an der Erzählung ist jedoch das Charakterportrait des Menschen, das sie mühelos zeichnet; eine zeitlose, unbequeme Wahrheit, die es immer wert sein wird, rezipiert zu werden.

 

Nikolai Leskow | Das Schreckgespenst | Insel Verlag | 71 Seiten | Neuere Ausgaben habe ich leider nicht gefunden, aber im Antiquariat sehe ich den Titel häufiger!

 

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