Wovon wir träumten

»Am Anfang wunderten wir uns ununterbrochen über sie. Warum bestiegen sie ihre Pferde von links und nicht von rechts? Wie konnten sie sich gegenseitig auseinanderhalten? Warum schrien sie immer? Konnte es wahr sein, dass sie Geschirr an ihre Wände hängten und keine Bilder? Und an allen Türen Schlösser hatten? Und ihre Schuhe im Haus nicht auszogen?« S.35

In der Hoffnung auf ein neues Leben reisen im frühen 20. Jahrhundert zahlreiche junge Japanerinnen nach Amerika. Dort angekommen müssen sie jedoch schnell feststellen, dass ihre Ehemänner nur wenig Ähnlichkeit mit den Fotos der Heiratsvermittler aufweisen und die Zukunft ein weit beschwerlicheres Leben für sie bereithält…

 

Ich habe diese Geschichte auf die Empfehlung einer Freundin hin gelesen, und nachdem ich im Klappentext von einer preisgekrönten »Geschichte, die […] mit dem feinen Ohr einer Lyrikerin, dem Fingerspitzengefühl einer Künstlerin und der Weisheit einer uralten Seele erzählt [wird]«, ja von einer »herausragenden schriftstellerischen Gabe« las, glaubte ich mich einer kleinen Buchperle gegenüber. Sagen wir mal so… Irren ist menschlich.

 

Das Buch wird ausschließlich aus der Wir-Perspektive geschildert. In meinen Augen ein interessanter, zum restlichen Schreibstil passender Ansatz, erschafft diese Erzählweise doch eine distanzierte Atmosphäre und unterstützt so die Anonymität, die das Werk durchzieht. Denn die Erlebnisse der zahlenmäßig unbestimmten Menge an Frauen werden wild durcheinander ohne persönliche Bezüge, ohne klare Protagonisten geschildert. Namen tauchen zwar durchaus hin und wieder auf, um eine reale Ebene zu schaffen, doch da die individuellen Schicksale in der Regel in einem Satz zusammengefasst werden, verlieren sie in der Menge an Bedeutung.

»Wir gebaren Nobuo und Shojiro und Ayako. Wir gebaren Tameji, der genau wie unser Bruder aussah, und blickten voller Freude in sein Gesicht. Ach, du bist das! Wir gebaren Eikichi, der genau wie unser Nachbar aussah, und seitdem blickte unser Mann uns nicht mehr in die Augen.« S.74

Ein Satz, ein Aspekt, ein Schicksal. So funktioniert dieses Buch. Auf jeder einzelnen Seite. Es ist eine Sammlung von Momentaufnahmen, die unter den Kapitelüberschriften (»Erste Nacht«, »Weiße«, »Babys«, auch »Verräter«) aneinandergereiht werden und so verschiedene »Lebensstationen« der Frauen skizzieren.

Hinzu kommt ein Schreibstil, der einschläfernder nicht sein könnte. Manch einer mag die 157-seitige (!) Aneinanderreihung von Anaphern, Epiphern, Epanalepsen und sämtlichen anderen Stilmitteln der Wiederholung mit Poesie verwechseln, und in der Tat, es gab mitunter sehr starke Sätze, die weit mehr erzählten als die Summe ihrer Worte, doch schlussendlich war ich einfach nur genervt von der Eintönigkeit und Unkreativität dieser Schreibe, die geradezu darum bettelte, dass man Sätze überflog.

 

Ihr könnt nun meine Stimmung erahnen, die jedoch bei weitem nicht ihren Tiefpunkt erreicht haben sollte, bemerkte ich doch nach einiger Zeit, wie sehr mich die Autorin mit ihrem übertriebenen Hang zur Dramatik zu manipulieren versuchte: In diesem Buch begehen reihenweise Frauen Suizid, sterben an Hitzeschlag, gebären Babys mit 6 Fingern oder gar beiden Geschlechtern, sorgen sich um Kinderohren, die vor Kälte bluten, trauern um Kinder, die durch Verbrennungen von einer Explosion gestorben oder vom Truck gefallen sind, im Wald verschwunden oder entführt wurden. Bei dieser hohen Zahl an dramatischen Vorkommnissen konnte ich nicht anders, als genervt die Augen zu verdrehen. Das ist schade, da viele geschichtliche Aspekte und alltägliche Themen wie Ausgrenzung oder Entfremdung von den Kindern schön dargestellt werden. Die beschriebene Gewalt etwa war beinahe körperlich spürbar, das letzte Kapitel unfassbar stark und die Detailliebe allgegenwärtig…

»In jener Nacht nahmen unsere neuen Ehemänner uns schnell. Sie nahmen uns ruhig. Sie nahmen uns sanft, aber fest, und ohne ein Wort zu sagen. […] Sie waren sich unserer sicher und glaubten, wir würden alles für sie tun, was von uns verlangt wurde. Bitte dreh dich zur Wand und geh auf alle viere. Sie nahmen, bevor wir so weit waren, und die Blutungen hielten drei Tage an.« S.29

Zusammengefasst: Der teilweise übertriebene Hang zur Negativität, der eintönige Schreibstil und das lieblos wirkende Abarbeiten von Einzelschicksalen halten mich von einem positiven Resümee ab. Spannung wollte und konnte ohne klare Protagonisten mit eigenen Geschichten einfach nicht entstehen. Natürlich entschied sich die Autorin bewusst für diese Art des Schreibens. Ihr Ziel war ein Rundumschlag, das Verweben vieler einzelner zu einer größeren Geschichte und eben nicht ein klassischer Roman mit einigen wenigen Protagonisten. Das mag ihr bis zu einem bestimmten Grad auch gelungen sein, da Anfang und Ende die Frauen zusammenbrachte, doch die Lesefreundlichkeit und Spannung litten darunter. Ich hätte es mir anders gewünscht. So bleibt mir nichts als das ermanipulierte, schwermütige Gefühl, das die Geschichte in mir heraufbeschwor…

 

Julie Otsuka | Wovon wir träumten | mare Verlag | 160 Seiten | 18,00 € | ISBN 978-3-86648-179-4

Kommentare

  1. ich habe das Buch auch gelesen und mochte den ungewöhnlichen Erzählstil. er ist poetisch, fast lyrisch und klingt trotz der traurigen Geschichten leicht, bunt, schillernd. Mir gefiel das Buch. 🙂

    • Genau so empfand die Freundin, die mir das Buch empfohlen hat! Aber gerade der Schreibstil ist mir (wie wohl unschwer zu erkennen) nach einer Weile einfach auf die Nerven gegangen. Wohl geschmackssache, immerhin hat das Buch einen Preis bekommen. Aber schön, dass es dir gefallen hat, die Thematik ist und bleibt ja interessant. 🙂

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