Die Stadt der Träumenden Bücher

»In der Tür des Hauses […] lehnte eine Haifischmade. Ich hatte schon ein paar Vertreter dieser Daseinsform in Buchhaim gesehen, aber das hier war ein besonders beeindruckendes Exemplar. Der Madenkörper wirkte grotesk, mit seinen vierzehn dürren Ärmchen und dem halslosen Kopf mit Haifischgebiß. Die Kuriosität der Erscheinung wurde auch nicht durch die Tatsache gemildert, daß sie einen Imkerhut trug.« S.98f

Fünf Monate. Fünf unsägliche Monate lag diese einzigartige Schönheit unangetastet in meinem Regal. Ich bin schockiert. Denn wie zum Teufel konnte mir etwas derart fulminantes nur entgehen? SCHANDE! Doch nun hat es mich gepackt, das Reisefieber, die Sehnsucht nach Zamonien, der einzigartigen Welt von Walter Moers. Ich kann mich kaum beherrschen, will am liebsten sofort in die nächste Buchhandlung rennen und sämtliche seiner Bücher an mich reißen! Meine Leseflaute? Kuriert. Vorhang auf für »Die Stadt der Träumenden Bücher«:

 

Als sein Dichterpate ihm kurz vor seinem Ableben von einem außergewöhnlichen Manuskript und dessen verschwundenem Schöpfer berichtet, zieht der Lindwurm (a.k.a. Drache) Hildegunst von Mythenmetz auf ins Abenteuer. In Buchhaim, der Stadt der Bücher, Antiquariate und Bibliophilen muss er schnell feststellen, dass weit mehr hinter dem Text zu stecken scheint, als zunächst angenommen, findet er sich doch unversehens verraten in den gefährlichen Katakomben wieder, aus denen es kein Entrinnen gibt…

 

Ich kann es nur noch einmal wiederholen: Ich bin schockiert. Die Geschichte und die unfassbare Kreativität, die in jeder Zeile mitschwingt, haben mich vollkommen überrumpelt. Zamonien ist eine einzigartige Welt, die in ihrer Authentizität mühelos mit Mittelerde mithalten kann und doch so ganz anders ist, als alles, was ich bisher kannte. Die wundersamsten Gestalten erwachen hier zum Leben (Haifischmaden, Schreckliche Buchlinge, toxische Bücher), die abstrusesten Verhaltensweisen sind Normalität. Und die Liebe zum Buch allgegenwärtig.

Ich habe eine große Schwäche für Bücher über Bücher. Aber dieses Exemplar hier entbehrt eines jeden Vergleichs. Schon auf den ersten Seiten merkt man unweigerlich, wie viel Herzblut in dem Projekt steckt. Ich verneige mich (allein schon der genialen Wortneuschöpfungen wegen; mein persönlicher Favorit: Labilie) tief vor dem unfassbaren Ideenreichtum des Autors, der (Achtung Insider! // ja, soweit ist es mit meiner Fangirlerei nach dem Lesen des ersten Buches schon gekommen) die Existenz des Orms zweifelsfrei beweist.

»Diese Prophezeiung war nur ein typischer Schrecksenreflex, nichts Besonderes, total unpräzise. Also habe ich eine Alptraumanalyse an mir selbst vorgenommen. Das ist eine der genauesten prognostischen Methoden, leider auch eine besonders quälende und schmerzhafte Prozedur, bei der man Blut weint und die in den Wahnsinn führen kann. Kibitzer mußte mich hypnotisieren, auf ein Nagelbrett binden und eine Nacht lang mit Ochsengalle besprühen.«  S.432f

Ein Punkt, der unbedingt angesprochen gehört, ist der unverkennbare Humor, der die Geschichte selbst in den dunkelsten Episoden aufzulockern weiß (die Dialoge sind grandios; nie habe ich während des Lesens so oft und laut gelacht), gleichzeitig aber eine allzu ernste Atmosphäre verhindert, wobei mitunter doch recht unerwartet brutale Momente auftreten.

Doch »Die Stadt der Träumenden Bücher« ist eines jener Werke, dem ich seine Schwächen ohne zu Zögern verzeihe. Die ich wegignoriere, weil sie angesichts der Argumente, die für die Geschichte sprechen, gänzlich unbedeutend erscheinen. Denn was macht es schon, dass unser Protagonist manchmal ein wenig zu schwer von Begriff ist oder dass er angesichts einschneidender Ereignisse kaum emotionale Regungen zeigt, wer stört sich ernsthaft an deus ex machina-Momenten und dem Gefühl einer zu perfekten Auflösung sämtlicher Stränge, wo sich der Rest doch derart makellos entfaltet..?

 

Wenn ihr also ein Buch von Walter Moers seht, dann greift zu! Es lohnt sich. Allein schon der zahlreichen Illustrationen wegen, die sämtliche seiner Bücher schmücken…

 

Walter Moers | Die Stadt der Träumenden Bücher | Knaus Verlag |  464 Seiten | Preis:  28,00€ | ISBN 978-3-8135-0798-0 | Bei Piper gibt es die preisgünstigere Softcover-Variante

Kommentare

  1. Immer wieder interessant, wie unterschiedlich man die Dinge doch betrachtet. Aufgrund von Empfehlungen, die deiner Schilderung hier recht nahe kamen, habe ich das Buch im letzten Jahr gelesen und mehr als ein „okay“ konnte ich mir als Wertung leider nicht abringen (der kurze Beitrag dazu findet sich hier: https://schriftweise.wordpress.com/2017/10/27/die-stadt-der-traeumenden-buecher/).
    Aber es ist auch schön, wenn man sieht, wie jemand bereits nach dem ersten Buch (wenn ich das richtig verstanden habe) einem Autor so „verfallen“ ist. Mir ging es in diesem Jahr mit Haruki Murakami so.

    • Ich kann absolut nachvollziehen, warum man diese Geschichte nicht sonderlich außergewöhnlich findet. Denn handlungstechnisch gesehen ist sie das nicht. Es ist (wenn ich da halbwegs objektiv rangehe) nicht nachvollziehbar, was ich so fantastisch an diesem Buch finde. Aber irgendwas hat Moers durch die ganzen Details (die auf andere wohl eher einschläfernd wirken), den Witz, dieses ungewöhnliche Maß an Einfallsreichtum in mir ausgelöst, das ich mit Worten nur schwer fassen kann… Ach ja, du hast es erfasst. Ich bin ihm verfallen, so wie ich hier schwafle. 😀 Schön, dass du auch so jemanden gefunden hast! Bei Murakami bin ich nie über die ersten 50 Seiten hinausgekommen (obwohl der Hype ja ziemlich motivierend ist)..

      • Vieles hängt wohl auch immer davon ab, welches Buch man sich für den Einstieg aussucht. Von einem Hype habe ich z. B. gar nichts mitbekommen, sondern bin über Rocketbeans TV bzw. eine Fansite auf Murakami gekommen, einfach weil mir der Titel „Kafka am Strand“ so gut gefiel. Da dann aber empfohlen wurde, für den Einstieg ein kürzeres Buch zu lesen, habe ich mich für „Afterdark“ und „Von Männern, die keine Frauen haben“ entschieden und die Entscheidung nicht bereut.

        Vielleicht hätte ich auch bei Walter Moers ein anderes Buch lesen sollen, aber die Chance für den ersten Eindruck ist nun eben vertan xD

  2. Ich habe von Walter Moers vor vielen Jahren die Käptn-Blaubär-Geschichten gelesen. Mir ging es wie dir: Ich konnte nicht aufhören zu lesen, obwohl es ja „eigentlich“ Kindergeschichten waren. Aber auch wieder nicht, ich fand das Buch so fantasievoll, so wunderbar, dass ich mich heute noch daran erinnere. 🙂

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