Gehen

Heute vor 30 Jahren starb einer der bedeutendsten Literaten des vergangenen Jahrhunderts und zugleich eine der polarisierensten Persönlichkeiten Österreichs: Thomas Bernhard. Meiner tiefen Verehrung ihm und seinem Gesamtwerk gegenüber wegen kann ich nicht umhin, euch aus gegebenem Anlass kurz eines meiner liebsten Bücher vorzustellen.

»Auch Karrer ist es nicht geglückt, was noch keinem Menschen geglückt ist, sagt Oehler, das Bewußtsein des Augenblicks der Grenzüberschreitung in endgültiges Verrücktsein. Wir dürfen, wenn wir etwas tun, nicht darüber nachdenken, warum wir, was wir tun, tun, sagt Oehler, denn dann wäre es uns plötzlich vollkommen unmöglich, etwas zu tun. Wir dürfen das, was wir tun, nicht zum Gegenstand unseres Denkens machen, denn dann kommen wir in tödlichen Zweifel zuerst, schließlich in tödliche Verzweiflung.« S.26

Karrer ist verrückt geworden und sitzt nun in der Irrenanstalt. Oehler und der anonyme Ich-Erzähler, mit denen er früher regelmäßig spazieren ging, reflektieren die Geschehnisse, die zum Ausbruch jener »endgültigen Verrücktheit« führten und identifizieren das »Denken« selbst als Schuldigen. Denn nur wer denkt, kann verrückt werden, indem er sich der Unzulänglichkeit und Qual des Seins bewusst wird.

Es entspinnt sich eine Unterhaltung über Gehen, Denken und Existenz, die einander  zu dirigieren wie bedingen scheinen…

»Verständnis- und hilflos müssen Sie zuschauen, sagt Oehler, wie tagtäglich haufenweise neues und immer noch größeres Menschenunglück gemacht wird, so viel Menschenhäßlichkeit und Menschenabscheulichkeit, sagt er, jeden Tag, mit einer Regelmäßigkeit und mit einer Stumpfsinnigkeit ohnegleichen.« S.20

Negativismus, Schachtelsätze, Wiederholungen, indirekte, monologisierende Rede, eine Prise Österreich- bzw. Systemhass und ein faszinierender Sog, geschaffen durch die abgeklärte, starre Atmosphäre und die sich verdichtende Bedeutungsebene…

»Gehen« ist ein Bernhard wie er im Buche steht und somit ein schöner Einstieg in sein Gesamtwerk, das ich jedem, der mehr als nur flüchtige Denkanstöße und Durchschaubarkeit von seiner Lektüre erwartet, nur ans Herz legen kann.

 

Meine Suhrkamp-Ausgabe stammt aus dem Jahr 1971, darum hier eine neuere Variante mit anderem Cover:

 

Thomas Bernhard | Gehen | Suhrkamp | 100 Seiten | Preis:  7,00€  |  ISBN 978-3-518-36505-2 

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