Das pathologische Leiden der Bella Jolie

Der Titel erinnerte mich an »Die gepflegten Neurosen der Mademoiselle Claire« von Sophie Bassignac, einen Roman, den ich vor einigen Jahren als Mängelexemplar erwarb und dessen ruhige, in sich gekehrte Geschichte und betäubte Stimmung bis heute eine sonderbare Faszination auf mich ausüben. Natürlich kann man von einer Titelverwandtschaft schwerlich auf eine ähnliche Wirkung schließen, zumal die Themenlage der heute besprochenen Novelle eine gänzlich andere ist. Und doch sorgte die flüchtige Assoziation dafür, dass ich nach langem Überlegen doch zu Ramona Raabes Debut griff, das ich im vergangenen Jahr überraschend neben einem angefragten Rezensionsexemplar des Dittrich Verlages vorfand. Grund für meine anfängliche Zurückhaltung ist die Thematik der (krankhaften) Selbstdarstellung im Internet, die mir immer etwas fremdartig erschien, wie auch die Befürchtung einer unoriginellen Geschichte ohne Tiefgang. Doch meine Erwartungen sollten sich schnell relativieren, denn das, was ich vorfand, hatte wenig mit dem zu tun, was ich mir ausgemalt hatte.

 

Wir befinden uns im Jahr 2048. Paul Wachter ist 91 Jahre alt und lebt in einem betreuten Wohnheim. Vor 23 Jahren erschien ein Buch, dem er bisher aus dem Weg gegangen ist. Ein Buch über Bella Jolie, die 2019 an der »pathologischen Impulskontrollstörung«, der Selfie-Sucht, starb und deren Schicksal später in jenem Bildband festgehalten wurde, dessen Wachter sich nun beschließt, anzunehmen. Darin ergänzen Eindrücke von Freunden, Geliebten und Familie die zahlreichen Bilder der Verstorbenen in dem Versuch, ihren Charakter und ihre Sucht zu porträtieren. Hinzu kommen die dokumentierten »Therapie«-Gespräche, die Jolie zwei Jahre vor ihrem Tod mit dem dubiosen Florian Kramer führte…

Man liest also gewissermaßen ein Buch im Buch, zumindest Ausschnitte davon, die hin und wieder von der Rahmenhandlung Paul Wachters unterbrochen werden, dessen Bezug zu Jolie sich dem Leser schleichend offenbart.

 

Dieses Konzept gefiel mir außerordentlich gut, da die verschiedenen Perspektiven in ihrer jeweiligen Tonalität einen verwaschenen Eindruck von der mystifizierten Bella Jolie vermitteln, die nur ein einziges Mal tatsächlich (verlässlich) zu Wort kommt. Die Ungewissheit um ihre Person und Beweggründe wird so hervorragend an den Leser herangetragen und erweckt einen Drang, mehr erfahren zu wollen, sich Klarheit zu verschaffen, ein Verlangen, das nur enttäuscht werden kann. Diese bewusst unbefriedigende Erfahrung stellte eine angenehme Abwechslung zu jenen Geschichten dar, die sämtliche Einzelheiten, die auch im Dunkeln hätten verweilen können, im Finale an die Oberfläche ziehen und aufklären müssen.

»Das Dämonische ist grell geworden in unseren Zeiten. Es ist nichts mehr, was sich versteckt und uns nachts attackiert und aus dunklen Gassen ätherisch materialisierend zu uns heranschleicht, es ist groß und leuchtend und wir pilgern diesem Licht entgegen wie Sonnenanbeter. « S.115

Als besonders gelungen empfand ich neben der Rahmenhandlung und allgemeinen Herangehensweise bei der Erzählstruktur insbesondere die Therapiegespräche, deren Wahrheitsgehalt zwar innerhalb der Geschichte als zweifelhaft beschrieben wird, jedoch wunderbar die stetige Verschiebung des Machtgefälles zwischen »Therapeut« und »Patient« veranschaulichen. Allerdings hat die Autorin die Angewohnheit, ihre unterschwelligen Aussagen im Nachhinein für die Unaufmerksamen klar zu formulieren, etwa durch den Therapeuten von einer Rollenverschiebung zu reden, worauf sie gern hätte verzichten können, da zumindest ich es bevorzuge, die Deutung einer Geschichte nicht direkt auf die Nase gebunden zu bekommen.

 

Der Schreibstil war unerwartet gefällig zu lesen und überzeugte vor allem in der Rahmenhandlung, denn innerhalb der vielen Perspektivwechsel, in denen Aussagen der Hinterbliebenen dokumentiert werden, offenbarte sich schnell die Schwäche der fehlenden Authentizität.

»Janina und ich, das ist eine unendliche Geschichte; da setzt auch der Tod keinen Punkt« S.70

Einfach gesagt: Ich habe der Autorin ganz einfach nicht geglaubt, echte Menschen sprechen zu »hören«, wenn ich den teils vor blumigen Vergleichen triefenden Schilderungen der Charaktere während ihrer Interviews folgte (nicht falsch verstehen, ich stehe auf Redeschmuck, nur eben nicht, wenn es um reale Menschen geht, die ihn scheinbar locker flockig in einem Gespräch verwenden). Im Falle Jolies wird zwar auf ihre antiquierte Art zu Sprechen eingegangen und kann, wenn auch nur schwerlich, hierdurch immerhin in den Therapiesitzungen einigermaßen akzeptiert werden (ich sage nur: »lustwandeln«), allerdings verliert diese Eigenwilligkeit der Sprache jegliche Glaubwürdigkeit, wenn derlei Sonderlichkeiten auch bei anderen Figuren auftreten… Denn während die verschiedenen Charaktere sich durch variierende Wortwahl, durchschnittliche Satzlänge und Grundstimmung durchaus voneinander unterscheiden (in dieser Hinsicht hat die Autorin sich sichtlich Mühe gegeben), sorgen jene poetischen »Ausfälle« für einen Glaubwürdigkeitsabfall. Auch die Länge und Komplexität mancher Aussagen lassen den Schreibstil mitunter schrecklich konstruiert wirken, sodass er sich in einem Roman mit einem einzigen Protagonisten bzw. personalem Erzähler weitaus greifbarer hätte entfalten können, als in den hier simulierten Interviewsituationen.

»›Wissen Sie‹, sagte Bella Jolie mit abgeklärter Stimme, und ihre Augen, ein trübes Grau mit einem mattgrünen Schimmer, senken sich klar in die seinen, ›das Herz des Fluchs ist häufig, dass er uns gefällt‹«. S.126

Und doch sind all dies nur kleine Meckereien: »Das pathologische Leiden der Bella Jolie« erzählt auf außergewöhnliche Art von der Angst, sich selbst zu verlieren, von Orientierungslosigkeit und der Suche nach Nähe und beleuchtet so die neuen Themen der s.g. digital natives aus einer bisher wenig beachteten Perspektive. Ramona Raabe vollbringt ein trotz des fragmentarischen Charakters rundes, in sich geschlossenes Werk, das durch die außergewöhnliche Erzählstruktur und unerwartete Tiefgründigkeit bei der Aufschlüsselung der Person Bella Jolies überzeugt. Insofern empfehle ich jedem, der sich durch meine Rezension davon angesprochen fühlt, zuzugreifen (es gibt sogar Illustrationen!).

 

Besten Dank an den Dittrich Verlag für das Rezensionsexemplar!

 

Ramona Raabe | Das pathologische Leiden der Bella Jolie | Dittrich Verlag | 160 Seiten | Preis:  14,95€  |  ISBN 9783947373017

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