Lanny

»Was meinst du, was geduldiger ist, eine Idee oder eine Hoffnung?« S.48

Nachdem Max Porters Debut »Trauer ist das Ding mit Federn« mich im vergangenen Jahr durch seine ingeniöse Andersartigkeit vollkommen überrumpelte und prompt zu einem Jahreshighlight avancierte, scharrte ich fortan ungeduldig mit den Füßen in der Hoffnung auf mehr. Stellt euch nun meinen Freudenschrei und kleinen (vielleicht aber auch Flummi-ähnlichen) Hüpfer vor, als mich vergangene Woche unverhofft Post vom Kein & Aber Verlag erreichte…

 

»Lanny« ist wunderschön. Ist Leinen und Lesebändchen, ist außergewöhnlicher, sich windender und schneidender Schriftsatz, ist Atmosphäre, gesponnen aus Wiederkennen, aus Zuneigung, aus Furcht. »Lanny« ist die Geschichte eines Jungen. Eines Jungen, der mehr sieht als die Anderen und damit die Aufmerksamkeit eines fast vergessenen Wesens weckt, dem seine Rolle als Beobachter plötzlich nicht mehr zu genügen scheint…

 

Porters Art, zu Erzählen, ist einzigartig. Er findet stets genau die Form und Details, die nötig sind, um eine Stimmung, einen Charakter und eine Situation schmerzlich greifbar zu beschreiben. Er kratzt am Wesen des Menschen, hält uns einen Spiegel vor und vollbringt es zugleich, sämtlichen Charakteren, aus deren Perspektiven wir der Handlung folgen, seien es auch nur Nebenfiguren, eine unverkennbare Stimme zu verleihen, was der mitunter aufgetretenen Blässe der Charaktere im Vorgänger entschieden entgegentritt.

»Ich sprühpuste mein Bier über meine schönen Pflaumenkonturen.« S.50

»Lanny« ist mehr Prosa als sein Vorgänger. Sowohl inhaltlich, wo Fragmentarisches dem Linearen weicht, wo Momentaufnahmen zu Geschichte werden, als auch sprachlich. Denn das altbekannte Spiel mit Rhythmus und Lyrik nimmt hier eine weniger große Rolle ein, während das heißgeliebte Durcheinander assoziativer Wortkombinationen und liebenswerter Wortneuschöpfungen weiterentwickelt wird (An dieser Stelle sei einmal mein Respekt für die Übersetzer dieses Wahnsinns ausgesprochen). Auch, wenn sich die Lektüre etwas anders anfühlt als beim Vorgänger, ist es unverkennbar Max Porter, der die Mitarbeit des Lesers fordert, der keine Scheu vor inhaltlichen wie stilistischen Sprüngen und Wirren hat, der Realität und Fiktion vereint.

 

Und hier wären wir auch schon bei der spannendsten Figur des Romans, Altvater Schuppenwurz, einer Art mythischer Natur- und Alptraumgestalt, die unartige Kinder holen kommt und als stiller Beobachter durch die Straßen des Dorfes wandert.

»Ihr gegenüber kauernd, hat sich Schuppenwurz verfinstert, sein belaubter Kopf ist zu Schimmel, Pilzflechten und braunen Lamellen gereift, schwitzt Fäule und Enzyme aus. Er riecht nach Lebenswahrheit, nach Sex und Tod.« S.204

Wie schon in »Trauer ist das Ding mit Federn« genoss ich die Kapitel aus Sicht jener nicht-menschlichen Kreatur sehr, waren sie doch sprachlich, typografisch und inhaltlich am außergewöhnlichsten gestaltet. Man erwähne an dieser Stelle einen Spaziergang Schuppenwurz‘ mit einem Fanta-Plastikdeckel. Auf diese Weise klingt das Thema der Umweltverschmutzung und menschlichen Ignoranz häufiger peripher an.

 

Porter gelingt es in wenigen Kapiteln, die kindlichen und zugleich grausamen Züge seines weder guten, noch bösen Charakters glaubhaft in Einklang zu bringen, wenngleich ich mir mehr aus seiner Sicht gewünscht hätte, um seine Motive angesichts der Auflösung klarer fassen zu können.

Tatsächlich entspinnt sich mein größtes Problem mit »Lanny« aus diesem Zusammenhang: Welche Funktion hatte er für die Geschichte? Und, einen Gedankengang weiter: Was genau will die Geschichte mir überhaupt sagen?

Ich bin mir da nicht so sicher.

 

Dennoch: Lest dieses Buch! Es ist so viel mehr als nur sein Inhalt. Anders, bereichernd, aufwühlend, magisch, gewaltig alltäglich, inspirierend. Ich hatte bisher nie einen Schriftsteller, dessen Bücher ich einfach kaufen würde, ohne den Klappentext zu lesen, doch hier ist er. Lest »Lanny«. Lest Max Porter! Ich kann dem Guardian nur zustimmen, er ist »anders als alles, was man bisher gelesen hat.«

 

Vielen Dank an Kein & Aber für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!

 

 

Max Porter | Lanny | Kein & Aber | 224 Seiten | Preis:  22,00€  |  ISBN 978-3-0369-5793-7

Kommentare

    • Schwierige Frage, einerseits ist das erste kürzer und von der Kritik hochgelobt, andererseits ist es auch lyrischer, experimentiert mehr mit Sprache, weshalb es auf Leute, die zu dergleichen keinen großen Zugang haben, evtl. abschreckend wirken könnte… Dennoch ist eine klare Entwicklung vom Debut zu diesem Buch erkennbar, was wiederum spannend zu verfolgen ist. Kurzum: Wenn du lieber eine Geschichte lesen willst, dann greif zu Lanny, wenn du sofort die hohe Dosis an Porters Sprachspielereien erfahren willst, dann greif zu Trauer ist das Ding mit Federn. Am besten lies beides! 😀 Ich bin froh, das ganze in der Veröffentlichungsreihenfolge gelesen zu haben, weil man so versteht, was Porter will/ was für eine Art Geschichten er erzählen möchte. 🙂

      • Da ich ein großes Lyrikherz habe, werde ich wohl deinem Beispiel folgen😉
        Danke für deine Einschätzung!

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