Maigrets Pfeife

»Sie war nicht da. Es gab noch drei weitere Pfeifen, eine davon die Meerschaumpfeife drüben beim Aschenbecher. Doch die Lieblingspfeife, die er suchte, die er am meisten benutzte, die er täglich bei sich hatte, eine große geschwungene Bruyèrepfeife, die seine Frau ihm vor zehn Jahren zum Geburtstag geschenkt hatte und die er nur ‚die gute alte Pfeife‘ nannte, war nicht da.« S.6

Und es kann nur dieser Bengel gewesen sein, schlussfolgert Kommissar Maigret verärgert, dieser pickelgesichtige kleine Dieb, der erst heute Morgen mit seiner verrückten Mutter in Maigrets Büro gesessen und über nächtliche Einbrüche geklagt hatte, bei denen jedoch nie etwas gestohlen wurde. Als eben jene Madame Leroy am nächsten Tag aufgelöst in der Polizeiwache erscheint und von dem Verschwinden ihres Sohnes berichtet, ist es Maigret plötzlich ein persönliches Anliegen, dem ganzen auf den Grund zu gehen…

 

Georges Simenon war mir zwar vom Namen her ein Begriff, als ich dieses kleine, leinengebundene Büchlein mit recht nett klingendem Klappentext spontan in der Buchhandlung meines Vertrauens auf den Kassentisch legte, allerdings war mir zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst,  dass er mit über 200 Veröffentlichungen als einer der bedeutendsten französischsprachigen Autoren des vergangenen Jahrhunderts gilt. Geschweige denn, dass der Kommissar, der in »Maigrets Pfeife« im Mittelpunkt steht, eine weltweit bekannte und vielfach verfilmte Figur der Kriminalliteratur ist.

 

All dies erfuhr ich erst bei Lektüre des Nachwortes von Karl-Heinz Ott sowie durch die anschließende Reminiszenz von Peter Ustinov, wo die Erzählung in Simenons Gesamtwerk eingeordnet und gedeutet wird. Ott vollbringt es auf diesen wenigen Seiten vortrefflich, einem Laien wie mir zu vermitteln, was den belgischen Autor und seine Kultfigur ausmacht, insofern lohnte sich der Kauf in meinen Augen schon allein der anhängenden Texte wegen (die Reminiszenz enthält im Übrigen eine überaus köstliche Anekdote), das prächtige Gewand einmal außen vor gelassen.

 

»Maigrets Pfeife« ist ein klassisches Stück der älteren Kriminalliteratur: Ein eigenwilliger Ermittler, ein sich langsam aufbauender Fall, bei dem der Leser tatsächlich noch miträtseln kann und ein dramatischer Showdown bei Dunkelheit, Matsch und strömendem Regen – schlicht hinweg eine wunderbare Nachmittagslektüre.

»Das Gewitter wollte nicht kommen. Die Hitze wurde immer drückender, der Himmel war bleiern und schimmerte violett, wie ein hässlicher Furunkel.« S.36

Simenon malt mit wenigen Worten mühelos nahezu sicht- und spürbare Szenerien und beschreibt die Menschen durch Maigrets stechende Gedanken unterschwellig derart treffend, dass mich häufig das Gefühl beschlich, direkt neben dem Kommissar zu stehen. Tatsächlich sind allein die mitunter auftretenden sexistischen Äußerungen, die jedoch der Zeit geschuldet sind (geschrieben wurde »Maigrets Pfeife« im Jahr 1945) und das recht abrupt wirkende Ende die einzigen Kritikpunkte, die ich vortragen kann.

Insofern sei eine Empfehlung für alle Krimifans und diejenigen, die es werden wollen, ausgesprochen. Ich werde mit Sicherheit noch den ein oder anderen Fall Maigrets mitverfolgen…

 

Georges Simenon | Maigrets Pfeife | Kampa Verlag | 96 Seiten | Preis:  9,90€  | ISBN 978 3 311 13101 4

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