Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär

»Menschen, die: Daseinsform aus der Familie der sprachbegabten Säugetiere, aufrecht gehender Daumenträger von mäßiger Intelligenz (nur ein Gehirn). Menschen verfügen über zwei Arme, zwei Beine, einen Kopf, aber keinerlei magische, eydeetische oder telepathische Fähigkeiten, was sie in Zamonien zu Außenseitern macht.« S. 373

Lieber Walter Moers, auch wenn ich der Gattung Mensch angehöre, wie gern wäre ich doch ein Teil deines wunderschönen Universums. Ach, wie inbrünstig würde ich Zamoniens Nationalhymne singen (»Zamonien, Zamonien, du Stern im Ozean, Beragt von Fels, durchquellt von Strom, Du bringst mir Pein, du bist mein Lohn« S. 513), in die Katakomben von Buchhaim vordringen, Kakertratten (eine Mischung aus Kakerlake, Ratte und Taube) durch tänzelnde Bewegungen täuschen (sie glauben dann, man wäre Wasser), mit Tratschwellen schnacken, eine Waldspinnenhexe besiegen, in der Süßen Wüste von Sandmännern überfallen oder dem ewigen Tornado aufgesogen werden. Wie begeistert würde ich mit einer Hoawief-Pizza – oder besser noch einer Blaubär-Doppelpizza – in der Hand durch die Straßen von Atlantis schlendern, in Gerüchteküchen einkehren, das Bonsaiviertel besichtigen, über Nattifftoffen lästern, an einem Ausflug in die Finsterberge teilnehmen und bei Professor Nachtigaller die Schulbank drücken (selbstverständlich verkleidet, denn der letzte Mensch wäre ich sicherlich nicht und der alte Snob nimmt ja nur die letzten Wesen ihrer Art in seiner Schule auf)…

 

Da meine Suche nach einem Dimensionsloch bisher jedoch noch nicht von Erfolg gekrönt war, muss ich mich vorerst mit deinen Büchern begnügen, zuletzt deinem wohl größten Wurf, der Einleitung in deine Welt: »Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär«, das 1999 erstmals erschien und nun zum 20 1/2-jährigen Jubiläum in einer prachtvollen Hardcover Ausgabe mit Originalposter vom Penguin Verlag neu aufgelegt wurde.

 

Wir begleiten dabei einen gewissen blauen Bären auf seinen Abenteuern: Von der Nussschale, in der er als winziges Ding erwacht, über die Rettung durch eine Truppe Zwergpiraten (herrliche kleine Wesen, die mit Holzbeinen, Augenklappe, Schnurrbart und Piratenhut geboren werden und ihr Leben lang – wegen ihrer Größe vergeblich – versuchen, Schiffe zu kapern) hin zur Ausbildung zum Knoten-,  Heul-, Quasselmeister, Traumkomponisten und Lügengladiator.

Uns läuft das Wasser im Mund zusammen, als wir miterleben müssen, wie Blaubär sich im kulinarischen Paradies auf der Feinschmeckerinsel wiederfindet (Trüffelpilze, Öltümpel, Marzipanfrüchte, Milchflüsse…) – nur um von einem kurzsichtigen Rettungssaurier in letzter Sekunde (denn das ist die Herausforderung an ihrem Job) vor einer bösen Überraschung gerettet zu werden.

Uns dreht sich der Kopf beim Unterricht mit Professor Nachtigaller – nicht nur, weil eine gewisse (lyrisch mäßig begabte) Berghutze namens Fredda einen Narren an Blaubär gefressen hat und ihm ständig einen Finger ins Ohr steckt, sondern auch, weil uns LeserInnen die Intelligenzbakterien des Eydeeten leider nicht durch die Buchseiten infizieren und wir somit im Gegensatz zu Blaubär nicht einmal die Hälfte seines herrlich theatralisch vorgeführten Gebrabbels verstehen. Immerhin pflanzt er sein »Lexikon der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebung« in den Kopf unseres Protagonisten, sodass wir Zamonien zwischendurch immer besser kennenlernen, allerdings meldet es sich nicht immer zum rechten Zeitpunkt, sodass manch Abenteuer mehr als brenzlig endet…

»Von weitem sieht ein Wirbelsturm ganz harmlos aus, wie ein verrückt gewordener Damenstrumpf, der durch die Landschaft tanzt.« S. 339

Wir ihr wohl bemerkt habt, bin ich mal wieder hellauf begeistert von Walter Moers‘ Werk und würde am liebsten jedem das Buch in die Hand drücken (aber nein, dieses hier ist MEINS!). Ich habe die Lektüre, die zahlreichen Illustrationen und die Liebe, die in jeder von ihnen steckt, den Detailreichtum, Witz und die Leichtigkeit seiner kauzigen Figuren (Wann kommen »Die Abenteuer des jungen Professor Nachtigaller«?!), zugleich aber auch die Spannung der Geschichte sehr genossen. In diesem Fall ist sie weniger wie ein Abenteuer als vielmehr wie eine Reihe an Abenteuern zu verstehen, die episodisch (entsprechend den Lebensabschnitten Blaubärs) aufeinander folgen und jedes seinen eigenen Höhepunkt hat – alle mit dem Ziel, uns die Welt Zamoniens näher zu bringen. Dabei bauen sie aufeinander auf und münden in ein derart geniales Finale, dass ich das leicht dümmlich anmutende Grinsen ob des fiesen Oberschurken mit seinen Weltherrschaftsplänen nicht mehr aus meinem Gesicht wischen konnte. Denn am Ende ist es eben nicht nur eine lose Folge an Story Arcs, sondern ein großes Ganzes, dessen einzelne Fäden aufeinandertreffen und sogar über diesen einen Band hinausreichen.

 

Das Wiedersehen mit altbekannten Figuren (bzw. der Reihenfolge der Bücher nach traten sie hier ja zuerst auf), dem frischen, vor Neugier triefenden und Kreativität sprühenden Schreibstil und natürlich mit Zamonien an sich haben mich glücklich zurückgelassen.

Ich bin ein Fan, was soll sagen?! Wenn ein neuer Moers erscheint, bin ich zur Stelle. Da macht es nichts, wenn ein übergreifender Spannungsbogen vielen kleinen weicht und das Verhältnis von männlichen und weiblichen Charakteren mehr als unausgeglichen ist. Zu letzterem Punkt sei gesagt, dass mir nicht nur die verschwindend geringe Anzahl an Frauen, sondern auch deren Charaktereigenschaften – die sich praktisch auf treudoofe Verliebtheit beschränkten, ansonsten waren Frauen für die Charaktere praktisch nur ein Objekt der Begierde – etwas missfielen. (Da zu erwarten ist, dass in »Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr« eine Frau die Hauptrolle spielt, soll die hiesige Behandlung vorerst als »Ausrutscher« verstanden werden und jenes Buch angesichts besagter Beobachtung meine nächste Moers-Erfahrung sein…)

 

Doch dieser Punkt schmälerte mein Lesevergnügen im Verhältnis herzlich wenig. Wer also wissen will, warum Stollentrollen grundsätzlich zu misstrauen ist, wie man eine Fata Morgana fängt, woher schwarze Löcher kommen, warum Atlantis verschwand oder dass auch schlechte Ideen manchmal Gutes tun und Tornadohaltestellen keineswegs als Aufforderung gedacht sind, der kann – wie jeder, der bisher an diesem kleinen Wunderwerk vorbeigelaufen ist – beherzt zugreifen. Gerade dieser Band eignet sich durch den episodischen Aufbau auch hervorragend zum Vorlesen!

 

Denn, wie Professor Nachtigaller zu sagen pflegt: Wissen ist Nacht! Und davon gibt es hier mehr als genug.

 

Ein großes Dankeschön an den Penguin Verlag für das Rezensionsexemplar!

 

Walter Moers | Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär | Penguin Verlag | 720 Seiten | Preis:  28,00€  | ISBN: 978-3-328-60120-3

Kommentare

  1. Interessant wie das mit dem Blaubären so ist. Ich glaube es gibt nur lieben und hassen – gut hassen ist übertrieben – aber an mich ging das Werk so gar nicht. Ich fand es am Anfang total amüsant und die Abenteuer auch gut – aber irgendwann hat es mich tatsächlich angefangen zu nerven. Was ich jetzt so gesehen habe gibt es wirklich diese zwei Lager – ja und nein.
    Sowas fasziniert mich immer wieder – wie unterschiedlich wir doch manche Dinge aufnehmen.

    Aber deine Rezi ist toll geworden – gefällt mir um einiges besser als das Buch:-)

    • Ja, das ist mir schon damals bei meiner Rezi zur Stadt der Träumenden Bücher aufgefallen, manche bekommen einen Zugang, manche nicht. Ich verstehe dein „Lager“ und seine Gründe auch gewissermaßen, aber ich fange ganz einfach Feuer, wenn ich Moers lese. In der Tat ein sehr interessantes Phänomen! Und vielen Dank für das Lob 🙂

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