Von oben

»Vor dem Tod. Nach dem Tod. Das sind zwei grundverschiedene Arten, die eigene Existenz zu erfahren und auf sie zu blicken. Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich bin oben.« S. 9

Dunkel erinnert sich die schwerelos über Berlin treibende Seele daran, einst Professor für Philosophie an der FU gewesen zu sein. Undeutlich, von dichtem Nebel umwölkt sind seine Erinnerungen an die Zeit vor dem Tod. Nur langsam füllen sich die Lücken, unkontrolliert schwindet und erwacht sein Geist im irgendwo. Seine Existenz, flüchtig und einsam, von Angst und Schuld gestreift. Was kommt? Was war? Was ist? Dem spürt das körperlose Wesen in seinen nächtlichen Streifzügen durch die Hauptstadt nach. Doch packen konnte es mich dabei nicht.

 

Selten habe ich ein Buch gelesen, das ich derart leidenschaftlich nicht weiterlesen wollte. Nicht, weil es mich emotional derart erschütterte, dass ich mich dazu nicht im Stande fühlte, nein. Ich fand ganz einfach keinen Zugang. Selbst während der täglichen 2 1/2 Stunden in Bus, S- und U-Bahn ließ ich das Buch nach nur einer Seite wieder im Rucksack verschwinden und nahm stattdessen Vorlieb mit der stummen Betrachtung der Landschaft – trotz des Wissens darum, dass demnächst eine Rezension darüber entstehen musste, immerhin hatte der Verlag es mir zur Verfügung gestellt. Cover, Klappentext und Pressestimmen, ja sogar die ersten paar Seiten waren überaus vielversprechend gewesen – und irgendwann musste doch die Stelle kommen, an der sich die Genialität dieses Titels offenbarte..?

Nun, für mich kam sie nie. Was nicht heißen mag, dass »Von oben« ein schlechtes Buch ist. Sibylle Lewitscharoff ist eine vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin, ihre Liebe zum Spiel mit Sprache quillt aus jedem Satz, einem jeden wohlplatzierten Wort. Tatsächlich war es ihr verschlungener, nüchterner und zugleich poetischer Schreibstil, der mich durch ihr Werk getragen, nun ja, seien wir ehrlich, wohl eher geschleift hat. Besonders eindrucksvoll bleiben mir die wahrlich artistisch anmutenden Beschreibungen von Musik und zwei großartige lyrische Textfragmente im Gedächtnis.

»bin hochgezogen und in die Tiefe geworfen  als atomares Wimmelbild weil ich nicht mehr ich bin und nicht mehr weiß, wohin als into the nothingness of God…« S. 148

Mir kam der Gedanke, die lyrischen Ausbrüche könnten vor allem gestanden haben, der Text selbst wäre um sie herum gewebt… So fühlt es sich an, wie wenig Aussage gestreckt auf viel Raum. Und genau das ist wohl mein Problem mit »Von oben«. Nicht die Handlungsärme (tatsächlich empfand ich das Konzept kurzer Beobachtungsintervalle als hochinteressant) oder der unsympathische Protagonist (freilich muss ein Protagonist keinesfalls sympathisch sein, es hilft nur über eventuelle Stolpersteine hinweg) haben mich gestört. Vielmehr dessen fehlende Entwicklung (diese wird zwar am Ende unterstellt, doch sich selbst reflektiert und als zu Lebzeiten eingebildeter, nach Anerkennung strebender, ignoranter Möchtegern enttarnt hat er sich von Beginn an; irritiert haben in diesem Zusammenhang Textstellen, in denen er sich wünscht, helfen zu können, obwohl das augenscheinlich nicht seinem Naturell entspricht – er also wieder in selbstbetrügerische Muster verfällt) und das in mir reifende Gefühl der… Gleichgültigkeit.

Harte Worte, doch angesichts der sich förmlich überschlagenden übrigen Rezensionen wohl verkraftbar. Die Beobachtungen, von alltäglichen Skurrilitäten wie Lachyoga über Einsamkeit, Mord, Suizid, Sex und Gewalt in verschiedenen Kontexten schreien vor  hohler Bedeutungsschwere und malen ein tristes wie abstoßendes Bild des Molochs Berlin, Moderne, Gesellschaft. Die Stimmung stimmt. Die Relevanz will sich nicht ins Puzzle der Rahmenhandlung fügen. Die Seele reagiert kaum. Interpretation ist gefragt. Und dann dreht sich alles im Kreis.

 

»Von oben« ist vor allem in seiner ersten Hälfte ein Füllhorn an inhaltlichen Wiederholungen – einzig gekleidet in ein anderes sprachliches Gewand. In Kombination mit den mageren Handlungsschnipseln der Beobachtungssituationen ging das soweit, dass ich glaubte, Kapitel schon einmal gelesen zu haben (…und zum fünften Mal erklärt er, dass er nicht darüber entscheiden kann, wo er hin schwebt, sondern vielmehr wie ein Blatt dem Wind ausgeliefert ist. Ich habe es auch beim ersten Mal verstanden). Kurz gesagt: Die ersten 50 Seiten fühlten sich wie Seitenschinderei und derart inhaltsleer an, dass man sie problemlos hätte auf ein Kapitel kürzen können…

»Doch ich werde verfolgt, in meiner unfreiwilligen Wesensdrift werde ich von in die Schwärze zielenden Tönen verfolgt, etwa von fis-Moll, ein vom Groll getragener Finsterton, von dem Schubart behauptet hat, er zerre wie ein bissiger Hund am Gewande, und weil ihm nicht wohl sei, schmachte er immer nach der Ruhe von A-Dur.« S. 218

Wenn ich selbst auch keinen Zugang dazu finden konnte, so mögen andere vielleicht williger sein, darin zu lesen: »Von oben« ist ein Buch, das viel Deutungsspielraum lässt, das vor Verweisen auf Philosophen und Literaten anschwillt (teilweise las man ganze Werksinterpretationen), mit Liedtexten und Gedichten durchsetzt ist, das über Gott und banalen »Seelenmüll« (S. 30) sinnt, und sich schließlich, im letzten und zugleich besten Kapitel seine eigene Berechtigung schreibt.

 

Vielen Dank an den Suhrkamp Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!

 

Sibylle Lewitscharoff | Von oben | Suhrkamp Verlag | 240 Seiten | Preis:  24,00€  | ISBN: 978-3-518-42893-1

Kommentare

  1. Dankeschön für die prima Rezension!
    Merkwürdig sicher, wenn man einen Roman besprechen soll und der dann nicht gefällt, rührt was an im Fremdschämpotential, aber es ist getan!
    Gruß von Sonja

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