Dünnes Glas

Die Beziehung zu Ex und Kindern gebrochen, schleppt sich der eigenbrötlerische Glasmaler Henry kraftlos durchs Leben. Doch dann steht plötzlich eine junge Frau vor ihm und fragt nach seinem Notizbuch. In einem Monat würden sie sich wiedersehen, schreibt sie,

„und während ich meine Hände in Ihrem Haar vergrabe, stecke ich Ihnen meine Zunge in den Mund. Enttäuschen Sie mich nicht.“ (S. 6)

»Dünnes Glas« ist eines dieser Bücher, das mich froh ob der Option des Selfpublishings zurücklässt. Unverständlich, wie es bei den Verlagen durchrutschen konnte – sowohl in programmatischer wie inhaltlicher/qualitativer Hinsicht (die Überarbeitung durchs Lektorat länge zweifelsohne im Normbereich). Doch so ist der Literaturbetrieb, hart umkämpft, oft genug Vitamin B-abhängig und übersättigt. Umso schöner, einmal mehr zu sehen, dass sich mittlerweile nicht mehr nur die Klischee-Wattpad-AutorInnen mit häufig… nun, sagen wir, »weniger gründlich überarbeiteten Texten« der Veröffentlichungsform annehmen.

 

Die Geschichte um Henry und Lola hat mich, die ich Zärte, Unschuld und leise, sich aufbauende Anziehung erwartet hatte, in ihrer jugendlichen Leidenschaft, Direktheit, Melancholie und konfrontativer Härte kalt erwischt. Die Dynamik der beiden ist vor allem im ersten Drittel einzigartig und ihre Beziehung erfährt durch die Reduzierung auf monatliche Treffen an unterschiedlichsten Orten einen originellen Touch. Die kurzen Kapitel und das rasche Tempo animieren darüber hinaus zum weiter… und weiterlesen.

 

Doch hier sind wir bereits am ersten Punkt, den ich ansprechen möchte: Das Erzähltempo. Es steht in enger Beziehung zum Schreibstil, der mit seinen von Adverbien und Adjektiven eingeleiteten Sätzen altertümlich, ungewöhnlich, dadurch bei direkter Rede mitunter unwirklich – im Sinne von offenkundiger Schriftlichkeit – vor allem jedoch in seiner Konsistenz mit hohem Wiedererkennungswert daherkommt.

Ihm zu Eigen ist auch die Besonderheit, sich in Dialogen zurückzunehmen, die Sätze kommentarlos aufeinanderprallen zu lassen, Schlag auf Schlag. Das sorgt für grandiose Momente, in denen die Beschreibungsärme die Fantasie beflügelt, aber auch an anderer Stelle für allerhand Irritation, wenn Aussage und Antwort scheinbar nahtlos ineinander übergehen und Emotionen sich holprig wandeln. Hier fehlt es an Füllmaterial, das den LeserInnen verdeutlicht, wie gesprochen wird, das Ruhe in die Aufregung bringt und einen Punkt setzt. Denn wie Pointen können manche Sätze erst durch Pausen wirken und verpassen so unbemerkt ihre Chance.

Dieses Erzähltempo-Problem der Dialoge lässt sich auf das gesamte Buch übertragen. Es geht zu schnell. Ereignis folgt auf Ereignis, die Atempause zum Wirken, zum Spannung, zum Sehnsucht bei den LeserInnen aufbauen, fehlt. Hier hätte vielleicht der ein oder andere Nebenstrang Abhilfe leisten können. Dieses Muster des Spannungsabfalls bzw. viel eher des Verhinderns von deren Aufbau findet sich auch auf Kapitelebene wieder, indem potentielle Spannungsmomente in Gestalt von Gefühlen und Problemen durch bloßes Ansprechen vorweggenommen werden, die Charaktere lagen gewissermaßen offen da.

Nun, selbstredend nicht vollkommen, etwa was Lola angeht, denn die Geschichte wird aus Henrys Sicht geschildert. Sie ist ein in ihrer Andersartigkeit schillernder Charakter, über dessen Beweggründe und Alltag ich gern mehr erfahren hätte als die Fragmente aus ihrem Mund. Wenn ich auch ihre Faszination für Henry nicht verstehe, so doch seine für sie. Ihr Lebensraum, ihre Welt natürlich wie fantastisch war greifbar, Isa Hörmann malte mir Bilder in den Kopf.

 

Doch ein Detail, ihre Krankheit (nicht die Symptome), wäre vielleicht besser unausgesprochen geblieben, da Borderline wie psychische Erkrankungen allgemein in Literatur, Film, etc. ein schwieriges Pflaster sind – das Problem der aus Sicht Betroffener unvollständigen/falschen Darstellung. Hier bereitete mir dieser Begriff, der nur einmal im Buch genannt wird – doch einmal zu viel – Bauchschmerzen, sehe ich die Krankheit nur beiläufig gestreift und vor allem in Bezug auf das Ende empfinde ich diese flüchtige Darstellung und ihre Entwicklung als ungenügend.

 

Was die anderen Figuren angeht, so war ich angetan vom Aufbau des familiären Konflikts, wenn ich mir auch von manchen Familienmitgliedern, insbesondere der Tochter und der Exfrau, mehr Charakter, Hintergrund, gewünscht hätte. Ihre Handlungen wirkten zum Teil geschrieben um der Reaktion Henrys willen, nicht ihres Naturells wegen. Doch auch hier bestimmte wesentlich das Aufeinanderprallen von wörtlicher Rede die Passagen, weshalb eine entsprechende Ausarbeitung mit Beschreibungen wohl schon einigem Abhilfe leisten würde.

»Und wonach suchst du?«
»Nach einem Anker.«
»Mein Schiff ist längst abgesoffen.«
»Wir brauchen diese Fragen nicht, Henry.« (S. 29)

Nach dieser kleinen Analyse scheint noch viel zu Schleifen zu sein an »Dünnes Glas«, dabei ist es schon jetzt eine runde Geschichte. Freilich eine Geschichte, die nach dem außergewöhnlichen ersten Drittel aus genannten Gründen abbaut, doch eine, die mich bei der Stange hielt und am Ende zum weinen brachte. Ich mochte Isa Hörmanns markanten Schreibstil, der sich natürlich in die melancholische, ruhige Stimmung der Geschichte fügt. Ich mochte die Andersartigkeit der Beziehung, die sie schildert, mit all ihren Absonderlichkeiten und Bildern. Vor allem jedoch mochte ich den Rhythmus, der geradlinig und strukturiert auf das, was kommen muss, zusteuerte…

 

Vielen lieben Dank an Isa Hörmann für die Zusendung eines Rezensionsexemplars!

 

Isa Hörmann | Dünnes Glas | 213 Seiten | Preis:  10,59€  | ISBN: 978-1082218408

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