Wir waren eine gute Erfindung

»Mir fällt wieder ein, dass ich mich dem Schlaf hinterhergewälzt habe, um ihn schließlich links zu finden. Links aus liegender Perspektive, auf ihrer Seite.« S. 9

Sarah ist tot. Nach fünfzig gemeinsamen Jahren einfach fort. Und Salomon allein. Geschüttelt von Trauer und Ratlosigkeit treibt er durch die Vergangenheit. Denn Pessach naht. Und damit, am Sederabend, dem ersten Tag der Feierlichkeiten, Salomons Familie. Die zerstrittenen, sich einander kaum ertragenden Töchter, Michelle und Denise, eine cholerisch, die andere depressiv, sowie deren Ehemänner und Kinder, um gemeinsam die Befreiung des jüdischen Volkes aus der Sklaverei, den Auszug aus Ägypten zu feiern. Dieses Mal, das erste Mal, ohne sie. Ohne Sarah. Die Schlichterin. Die Salomons schwarzen KZ-Humor all die Jahre geduldig ertrug. Die den unter Michelles Jähzorn und Durchfall leidenden Schwiegersohn Patrick beruhigt. Die Wärme und Ruhe in den von kleineren und größeren Sticheleien schwankenden Sederabend bringt. Brachte… Denn wie soll es nun werden – ohne sie?

 

Es gibt Bücher (und das müssen nicht einmal Bücher sein, die mich während des Lesens umwarfen – so ist es auch hier), die berühren etwas in mir, doch so sehr ich mich auch darum bemühe, wie tief ich mich in Analysen vergrabe – ich kann einfach nicht mit dem Finger darauf zeigen, was genau dieses nachhallende Gefühl in mir auslöst. Es ist ganz einfach das Gesamtpaket, das meine Gedanken auch Wochen später immer wieder um jene Geschichten kreisen lässt.

»Wir waren eine gute Erfindung« ist eines dieser Bücher.

»Bei all ihrer scheinbaren Zurückhaltung war Sarah eine andere Frau, wenn sie verhandelte […] [,] fand nächtelang keinen Schlaf und bereitete sich vor wie eine Sportlerin auf den Wettkampf, am Tag vor dem Termin aßen wir abends nur Kohlenhydrate.« S. 41

Mal poetisch, mal zurückgenommenen, in jedem Fall melancholisch und doch zugleich leicht, humorvoll, niemals bedrückt, ja, außergewöhnlich gestaltet sich der Schreibstil Joachim Schnerfs, orientiert er sich doch zugleich in seiner Dichte an Salomons Gefühlslage: agiert, vegetiert und seziert mit dem Protagonisten gemeinsam. Ein wunderschönes Zusammenspiel von Sprache und Handlung.

 

Salomons Sorgen um die Beziehung der Töchter; seine Schuldgefühle angesichts der Gewissheit, dass sein vom Krieg gebrochenes Verhalten in ihrer Kindheit Spuren hinterließ und bis ins Erwachsenenalter wirkt; das Wissen darum, dass seine Nazi-Witze anderen Menschen nicht behagen und er dennoch nicht davon lassen kann, weil er im Humor eine Flucht vor der alles verschlingenden Vergangenheit gefunden hat; die Art, wie er sich das Verhalten einzelner Familienmitglieder ausmalt, sich ausmalen kann, weil er sie kennt – und wie er sie kennt; seine verzweifelte Sorge darum, Sarahs Gesicht zu vergessen – all diese Gedanken, all die Reflektionen, die dieses Buch ausmachen, erscheinen so nah und so echt, dass einem beinahe das Herz bricht.

 

Es ist diese kompromisslose Ehrlichkeit, mit der wir durch Salomon auf die vergangenen Sederabende blicken und die Charaktere kennenlernen, die das Buch außergewöhnlich macht. Hässlichkeit, Vorwürfe, Unverständnis, Überraschung, Mitgefühl und Humor, kurzum: Menschlichkeit, Echtheit tritt uns – abschreckend wie erfrischend – gegenüber und lädt dazu ein, die eigenen Familienzusammenkünfte zu überdenken. Vor allem jedoch erinnert Schnerf durch diese sanfte Schelle geschickter- und notwendigerweise an das, was Familie ausmacht: den einzigartigen, jedweden Konflikten trotzenden Zusammenhalt.

Da ist eine Wärme in Schnerfs Ehrlichkeit. Eine Wärme, nach der ich mich sehne. Und ganz nebenbei lernt man die jüdische Kultur kennen, ein Einblick, der mich fasziniert wie ehrfürchtig zurückgelassen hat…

 

Herzlichen Dank an den Kunstmann Verlag für das Rezensionsexemplar!

 

Joachim Schnerf | Wir waren eine gute Erfindung | Kunstmann Verlag | 144 Seiten | 18,00 € | ISBN 978-3-95614-315-1

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