Unter den Armen und Elenden Berlins

»Alles junge Wesen und doch hat jedes bereits einen Roman erlebt.« S. 23

Weihnachten. Zeit der Besinnlichkeit, Spendenaufrufe und des Konsums. In keinem anderen Monat wird uns die Schere zwischen Arm und Reich deutlicher vor Augen geführt als im Dezember. Und doch ist es so leicht, wegzuschauen.

Vor 130 Jahren war es das nicht. Prostitution, Obdachlosigkeit, Kinderarbeit, Menschenhandel – und über all dem: Armut. Das Elend lauerte an nahezu jeder Ecke, prägte die Städte, in Berlin vor allem den Norden und Osten. Von 1884 bis 1885 zählte das Städtische Asyl für Obdachlose 87.000 Menschen, die mindestens eine Nacht Schutz in seinen Mauern suchten. Heute zählen wir deutschlandweit geschätzt 52.000 Obdachlose – noch immer 52.000 zu viel, doch weit weniger als damals.

1887 fasste der selbst aus bescheidenen Verhältnissen stammende, 24-jährige Journalist Hans Richard Fischer den Entschluss, hinter die Fassaden der städtischen, privaten und kirchlichen Institutionen zu blicken, die als Auffangnetz für die unterste Schicht dienen sollten – und die Stadt erschütterte unter seinen Schilderungen.

 

»Unter den Armen und Elenden Berlins«, das sich in vierzehn Reportagen den beklemmenden Verhältnissen in psychiatrischen Anstalten (s.g. »Irrenanstalten«), Asyl-Heimen, Siechen- und Waisenhäusern, zuletzt der Morgue, dem Leichenschauhaus für die Armen, Suizidanten und Unbekannten, widmet, wurde nun von Walde + Graf neu aufgelegt, ergänzt um ein kurzes Nachwort und einige erklärende Fußnoten.

In typografisch eindrucksvoll gestaltetem Gewand ermöglicht uns das Buch nicht nur als zeithistorisches Dokument einen Einblick in andere soziale Verhältnisse, Orte, die heute nicht mehr existieren und Bemühungen der Obrigkeiten, der Armut durch Zwangsarbeit entgegenzutreten, sondern auch den Genuss einer alten Variante der deutschen Rechtschreibung und des charmanten (zweifellos etwas mehr Konzentration fordernden) Schreibstils, der sich allerlei herrlicher Wörter (mein persönliches Highlight: »frug«) und Formulierungen bediente.

»Das flimmernde, lockende Weltstadtgetriebe, der stete Umgang mit schon Verderbten, die vielfache Versuchung und das eigene Elend treiben unaufhaltsam auf ihn zu. Gewiß, der Mensch kann sich auch in Widerwärtigkeiten aufrecht erhalten; aber Ammenmärchen sind es, daß unter solchen Bedingungen Niemand verkommt.« S. 43

Obwohl sich die Darstellungsform damals noch in den Kinderschuhen befand, zeigen Fischers Texte eindrücklich die Stärken der Reportage. Die detaillierten atmosphärischen Beschreibungen, die Subjektivität, das Mitgefühl, das seine Worte durchdringt, bewirken, dass wir uns am Ort des Geschehens wähnen, den Gestank von verdreckten Körpern fast schon riechen und die Resignation, die Hoffnungslosigkeit in den Augen der Menschen sehen können, als Fischer die Nacht im städtischen Asyl verbringt, zu spät dort, über hunderte sich überlappende Körper stolpert, Kämpfe um den Platz auf der Bank verfolgt, schließlich im Stehen den Schlaf sucht, ihn nicht findet. Raus.

 

Sozialer Abstieg – das könne jeden treffen, schreit Fischer hinaus. LehrerInnen, Kaufleute, HandwerkerInnen, BeamtInnen, ja sogar die ehemals schillernde Figur eines bekannten Dichters findet er bei seinen Besuchen in verschiedensten Institutionen vor. Doch selbst in der Armut gibt es Hierarchien. Die Betten der Siechenhäuser stehen nur jenen ohne Vorstrafen offen, die nachweislich in Berlin wohnhaft und »durchaus hilflos« (S. 105) sind. Egal wie schwach, egal wie krank: anderen bleibt nur die Hoffnung auf eines der privaten Siechenhäuser – oder das Rummelsburger Arbeitshaus (»Korrigendenanstalt, […] Armen-Hsopital und […] Erziehungsanstalt für Verwahrloste Knaben« S. 55). Auch hier herrscht Irrsinn: Die Zwangsaufnahme droht jenen »Prostituirten, die wiederholt gegen die sittenpolizeilichen Vorschriften verstoßen und die Männer, die verschiedene Vorstrafen wegen Bettelns oder Arbeitsscheu erlitten haben« (S. 55). Wer nur einmal zu viel im Städtischen Asyl um Obdach bittet (monatlich waren fünf Nächte erlaubt), dem droht die Verhaftung, das Attest »Arbeitsscheue«, schließlich die Überweisung nach Rummelsburg, wo genug Aufgaben auf Erledigung warten. Und kommt man dort heraus, so beginnt der Kreislauf, da keine Hilfe zu erwarten ist, von neuem…

 

Für seine Zeit erscheint Fischer mit seiner Kritik und den investigativen Methoden (wie etwa der Einschleusung in ein Asyl) ungewöhnlich aufgeklärt, er prangert die Industrialisierung als Ursache für die Armut an und spricht mit Empathie von den Menschen, deren Wege er kreuzt. Dennoch bleibt er nicht selten ein Opfer seiner Zeit.

»Ueberraschend ist die Zahl der hübschen, zum Theil sogar schönen Mädchen- und Knabengesichter. Man muß erst längere Zeit dieselben angeschaut und eine gewisse Starrheit des Auges entdeckt haben, ehe man sich ihres geistigen Zustandes bewußt wird« (Fischer über einen Besuch in der s.g. »Idiotenanstalt« der Städtischen Irrenanstalt zu Dalldorf, S. 51)

Auch wenn Fischer wie selbstverständlich von arbeitenden Frauen redet (von 600.000 Berlinerinnen waren seinerzeit 167.000 in Industrie, Handel, Wasch- und Nähstuben, mit privaten Dienstleistungen, ja selbst als Wärterinnen in Dalldorf beschäftigt), so ist sein Frauenbild doch veraltet, seine übertrieben empathischen Worte täuschen nicht darüber hinweg, dass Frauen einen bestimmten Platz in seinem Weltbild einnehmen – Verfluchung der Prostitution der „widerwärtigen“ männlichen Prostitution wie der weiblichen – doch die Freier, die bleiben unerwähnt. Es gibt nur schwarz und weiß. Die höchste Unschuld spräche aus den Augen mancher »Wesen«, die Verderbtheit aus allen anderen. Es gäbe schlechte Charaktere, die sich zur Prostitution verführen ließen, ihren kostbaren Körper für ein Stück Brot einfach hergäben – inkonsequente und scheinheilige Aussagen von einem, der Seiten zuvor noch davon sprach, dass der Mensch sich schließlich doch immer seinen Verhältnissen ergeben muss… Besonders unangenehm wird es, wenn er sich nicht so recht entscheiden kann, ob er nun einem Engel oder Dämon gegenübersteht:

»Kein Wort kam von den Lippen der Mädchen, nur die Busen wogten stürmisch auf und nieder und manches Auge redete eine leidenschaftliche Sprache.« (Fischer über die Frauen im Waschhaus des Rummelsburger Arbeitshauses, S. 69)

Natürlich ist es notwendig, »Unter den Armen und Elenden Berlins« in seinem historischen Kontext zu betrachten und es nicht unkommentiert stehen zu lassen. In diesem Sinne hätte ich mir ergänzend zu den Fußnoten, deren Erklärungen sich vornehmlich auf Orte beschränken, Hinweise mit Vergleichen zu aktuellen Zuständen, historischen Entwicklungen, jedenfalls irgendeine Art von Auswertung gewünscht, die über das kurze Nachwort hinausgeht. Dort greift der Herausgeber Peter Graf die Idee auf, die damaligen Verhältnisse einer Bewertung aus heutiger Sicht zu unterziehen und ich rufe nur: JA!

Doch sie wurde verworfen, das Buch sei als Lesebuch zu verstehen, als selbsterklärendes zur-Verfügung-stellen. Ich bin der Meinung, dass das nicht ausreicht. Die Reportagen hätten durch Einordnungen eine neue Bedeutungsebene schaffen können. So jedoch verbleiben sie verstaubt. Erschütternd, ja, Erleichterung ob der eigenen Situation und Zeit streuend, ja, interessant, ja, doch wirken sie nicht aktivierend. Eine Chance vertan.

Nichtsdestotrotz: Es ist ein Glück, dass der Herausgeber auf diese Texte stieß. Ich kann die Lektüre allen kulturell, geschichtlich, sprachlich oder schlicht am Thema Interessierten nur wärmstens ans Herz legen, sie ist in jedweder Hinsicht erhellend und als zeithistorisches Dokument sehr wertvoll!

 

Vielen Dank an Walde + Graf für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!

 

Hans Richard Fischer | Unter den Armen und Elenden Berlins. Streifzüge durch die Tiefen der Weltstadt | Walde + Graf | 127 Seiten | 15,00 € | ISBN 978-3-946896-44-9

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