Hunderteins EinSatzgeschichten

»Dieses Büchlein hat nur letzte Sätze. Genauer gesagt: Anfangssätze, die zugleich Schlusssätze sind. Satz- und Spielball. Also ein Spiel«, stellt Hans-Eckardt Wenzel überaus treffend im Vorwort der »Hunderteins EinSatzgeschichten« fest. Denn nichts anderes ist es, was Nele Heyse in dem schmalen Band überaus elegant vollbringt: ein Spiel; einen Wettbewerb um die Frage, was ein Satz alles auszusagen vermag, bevor schließlich ein Punkt ihm Einhalt gebieten muss…

 

Die dargebotenen Geschichten werden derart plastisch und dramaturgisch geschickt geschildert, dass vor meinem inneren Auge unentwegt ein kleiner Film ablief, der mühelos die Eckpunkte eines wahrhaftigen Drehbuchs markieren könnte, wirkten die beschriebenen Situationen doch so echt und aus dem Leben gegriffen, als berichte die Autorin von realen Begebenheiten aus ihrem Umfeld. Dass dieser Eindruck zum Teil tatsächlich der Wahrheit entspricht, erfuhr ich während eines Lesungsbesuches im Rahmen der Leipziger Buchmesse. Frau Heyse erzählte, dass einigen Geschichten Erlebnisse ihrerseits oder die anderer zugrunde liegen, welche zugespitzt dargestellt, manchmal auch nur zum Teil eingebracht wurden. Lese ich mit diesem Wissen nun etwa die Geschichte Nr. 29, berührt sie mich nur umso mehr, spricht sie doch von einer wahren Begebenheit:

»Damals, sagt die alte Frau, habe sie als Zwölfjährige auf der wochenlangen Flucht im kalten Winter aus Schlesien, nachdem die verwitwete Mutter verkündete, gemeinsam mit ihr und den kleinen Geschwistern in die Elbe zu gehen, wenn die entfernte Verwandtschaft bei Magdeburg die Familie nicht aufnehmen könne, bei sich gedacht, dass sie ja Gott sei Dank eine gute Schwimmerin sei, was ihr noch heute, über siebzig Jahre danach, ein schlechtes Gewissen macht.« S.43

Den Geschichten gemeinsam ist wohl die Art ihres Endes, welches nie klar umrissen, sondern lediglich zart angedeutet wird, zum weiterdenken anregt. Vielen Erzählungen haftet ein dämpfender Unterton an, der wie ein Sprung in der sonst makellosen Tasse wirkt und eine Komposition von trauriger Schönheit offenbart.

Von Seitensprüngen wird berichtet, von Schmerz und Glück wie süßer Rache; skurille, lustige Situationen werden ebenso gezeichnet wie die letzten Gedanken einer sterbenden Frau. Und all dies wird untermalt von wunderbar düsteren Illustrationen aus der Hand von Hamster Damm, sodass ich nicht anders kann, als eine Empfehlung für »Hunderteins Einsatzgeschichten« auszusprechen. Mit ihren 144 Seiten für 9,95 € sind sie nicht nur geeignet für jene, die dicke Wälzer scheuen, aber an gehaltvollem Inhalt interessiert sind, sondern auch als Geschenk für jedermann. Zumal das Buch sich, wie Frau Heyse selbst scherzhaft anmerkte, in seiner Kürze auch immer gut neben dem Klo machen würde…

 

Nele Heyse | Hunderteins EinSatzgeschichten | Mitteldeutscher Verlag | 144 Seiten | 9,95 € | ISBN 978-3-95462-910-7                    

 

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