Endlose Felder

Da das Buch der vietnamesischen Schriftstellerin Nguyen Ngoc Tu bereits seit geraumer Zeit in meinem Bücherregal verkümmerte und jüngst den Sieg beim diesjährigen Litprom Literaturwettbewerb für sich beanspruchen konnte, beschloss ich, mich seiner anzunehmen. Es handelt sich hierbei um eine  liebevoll gestaltete Sammlung von 14 Erzählungen, die allesamt Anfang der 2000er Jahre entstanden und nun erstmalig in dieser Zusammenstellung vom Mitteldeutschen Verlag ins Deutsche übersetzt wurden.

 

Die  stets  mit einer gewissen Tragik daherkommenden Geschichten stellen das entbehrungsreiche Landleben Vietnams in den Mittelpunkt. Ich sah mich einer unbekannten, harten Realität gegenüber, an deren Aktualität ich beim Lesen immer wieder erinnert werden musste. Wenn beispielsweise Fernseher erwähnt wurden, schreckte ich stets kurz auf, weil die Geschehnisse es einem leicht machen, zu glauben, hier eine hundert Jahre ältere Version des vietnamesischen Provinzalltags zu beobachten.

»Sie hätte sich der schönen Zeiten erinnert, als ihre Liebe noch frisch und grün war wie in Sojasoße gekochter Wasserspinat und Thuong mit Hau auf dem Fahrrad am Tet-Fest durch die Lichter des Feuerwerks fuhr…« S. 163

Das Motiv des Verlassenwerdens, der unerfüllten Liebe und lebenslangen Sehnsucht zieht sich als roter Faden durch den Band. »Was zählt?«, »Die traurigste Geschichte« und »Ein ängstlicher Blick« sind hierbei meine liebsten Erzählungen. In der einen verfolgen wir die Bemühungen des Dorfältesten Tu Mot, der verzweifelt versucht, den neuen Arzt in seiner abgelegenen Heimat zu halten. Hierfür weist er die Dorfbewohner nicht nur dazu an, den Neuankömmling mit Geschenken zu überschütten und die Krankenstation aufzusuchen, obwohl sie kerngesund sind, sondern schreckt auch nicht davor zurück, seine eigene Tochter als potentielle Ehefrau in seinen Plan zu integrieren. Eine andere Geschichte spielt in einem Tourismus-Komplex, wo die Angestellte Xuyen sich selbst  zu einem einsamen Leben verdammt, weil sie nicht wagt, ein altes Geheimnis zu offenbaren. Mein Favorit ist die Erzählung um einen alten Entenhirten (man beachte die Ente im Hintergrund des Beitragsbildes), dessen einziger Gesprächspartner sein liebenswerter Siamesischer Erpel Coc ist, bis er eines Tages eine verzweifelte Frau aufnimmt, die von ihrem Mann verlassen wurde…

 

»Endlose Felder« nennt sich schließlich die letzte, titelspendende Geschichte des Buches. Es geht dabei um eine vom Dorfmob verfolgte Prostituierte, die von zwei Kindern gerettet und zum Unwillen des Vaters Teil des familiären Gefüges wird. Die Erzählung unterscheidet sich von den Vorangegangenen nicht nur in ihrer Länge (71 Seiten anstatt von 10-16 Seiten), sondern auch im Schreibstil, der hier eher der Sprache eines Romans gleicht. Die Situationen werden dadurch detailreicher, gefühlvoller, aber auch ungleich grausamer geschildert. Hätte es sich um einen Film gehandelt, hätte ich an der einen oder anderen Stelle ob unangenehmer Berührung, Ekel oder Scham sicherlich weggeschaut.

 

Grundsätzlich merkt man dem Buch nicht nur anhand der Namen und (überaus lehrreichen) Fußnoten an, dass es sich um eine Übersetzung handelt. Die Sätze kommen teilweise holprig daher, an anderer Stelle allerdings  wieder absolut poetisch. Die Zeitsprünge gestalten sich meist undurchsichtig, was sich nach Lektüre der Editorischen Notiz aber dadurch erklären lässt, dass im Vietnamesischen nur selten eine eindeutige Zuteilung von Geschehnissen in Vergangenheit oder Zukunft stattfindet und es stattdessen den Lesern überlassen wird, sich einen Reim darauf zu machen. Ebenso verwirrend erschien mir anfangs der fliegende Perspektivenwechsel. Im einen Moment spricht der Ich-Erzähler, wechselt dann aber ohne Vorwarnung in eine personale Erzählperspektive mit auktorialen Einschüben und wendet sich anschließend wieder dem Ich zu. Allerdings gewöhnte ich mich schnell daran, sodass ich  diesen Punkt ganz einfach der anderen Sprach- und Schreibkultur zuordne.

 

Zusammengefasst vereint »Endlose Felder« Geschichten, die mir aufgrund der vorhersehbaren Tendenz zum »traurig-offenen« Ende mal mehr, mal weniger gefallen haben. Grundsätzlich jedoch bin ich froh über die Lektüre, die vor allem durch die gekonnte Vermittlung einer anderen Kultur und Lebenswelt besticht. Insbesondere die Tatsache, dass die Autorin selbst in bescheidenen Verhältnissen aufwuchs, die Schule abbrach, um ihren Vater bei der Arbeit zu unterstützen, und daraufhin wie einige der Protagonisten Gemüse auf schwimmenden Kähnen verkaufen musste, hat mich nachhaltig beeindruckt. Auch das Nachwort, in dem der Übersetzer  Günter Giesenfeld auf die Erzählungen eingeht, sie interpretiert und einige Handlungen kulturell aufarbeitet, hat mir sehr gut gefallen. Nicht unerwähnt bleiben sollte außerdem die gesamte Aufmachung des Erzählbandes von Cover über Lesebändchen bis hin zu den grafisch illustrierten Seiten, sodass ich schlussendlich eine Empfehlung für Erzählungsfans ausspreche!

 

Nguyen Ngoc Tu | Endlose Felder | Mitteldeutscher Verlag | 264 Seiten | 24,95 € | ISBN 978-3-95462-807-0

 

 

 

 

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