Metrofolklore

»Neid macht hässlich, egal wie eng die Bluse anliegt.« S.83

Gelangweilte und notgeile Archäologiestudentin wirbt um göttliche Erscheinung namens Helene, die nicht nur kein Interesse an Frauen zeigt, sondern auch noch was mit dem Dekan des Instituts am Laufen hat. Ein Eroberungs-Plan muss her: Was liegt näher, als sich mit Hilfe von Ovid an die beste Freundin der Angebeteten heranzuschmeißen? Doch was machen mit der Langzeitfreundin Annika, die neuerdings besessen davon ist, ein Kind zu bekommen..?

 

Nachdem ich die ersten drei Kapitel von »Metrofolklore« gelesen hatte, stand die Frage der Fragen im Raum: Weiterlesen oder Abbrechen? Denn schon auf den ersten paar Seiten wird klar, dass man hier ein Buch vor sich hat, das auf die gängigen Schreibmuster pfeift. Spannung und Handlung hatte ich hier nicht zu erwarten, dafür jede Menge inneren Monolog einer unsympathischen Protagonistin, die gern mit Hashtags um sich wirft und es mit der political correctnes nicht ganz so genau nimmt. Letztendlich war es die schnell bestätigte Ahnung, hier das Werk einer (ehemaligen) Studentin des Literarischen Schreibens vor sich zu haben, die mich dazu veranlasste, weiterzulesen. Was soll ich sagen? Ich bin neugierig auf die neue Schriftstellergeneration.

 

Wie sich bei einem näheren Blick auf die Autoreninfo herausstellte, ist »Metrofolklore« (wie es sich gemeinhin für ein ordentliches Debut gehört) hinsichtlich des Studienganges und -orts autobiographisch angehaucht, was das glaubhaft eingestreute Fachwissen erklärt. Einfach nur herrlich wird es, wenn die Autorin sich selbst in Form einer kurzweiligen Bekanntschaft in die Geschichte einbaut und mir erklärt, was ich gerade lese:

»Sie erzählt von einem belanglosen Roman, den sie gerade schreibt, in dem es viel um Sex und Drogen geht. Die Hauptfigur ist ein Versager, der von einer Krise in die nächste rennt. Klingt nach einer dieser Trash-Pop-Storys, von denen es genug gibt, aber ich bekunde: Toll, würde ich kaufen! « S.78

Patricia Hempels Schreibstil kann man wohl als »modern« bezeichnen. Er strotzt vor Wortspielereien, Vergleichen, Fremdwörtern, Anglizismen, Neologsimen (oder gar Wortneuschöpfungen; mein Favorit: »Hässling«) und Zynismus, was durchaus zu unserer Protagonistin und ihrem herablassenden Verhalten gegenüber ihrer Umwelt passt. Auch wenn der Schreibstil für meinen Geschmack in seiner Mischung aus gewitzten und abstrusen Wortkombinationen auf Dauer etwas zu »drüber« war (ich rate euch bei Interesse dringend zur Leseprobe), wirkte er schlicht hinweg erfrischend im immer gleichen Sud aus phantasielosem Geschreibe und ist hiermit definitiv ein legitimer Grund, zu dem Buch zu greifen.

»Julies transzendente Wirklichkeit ist mindestens so schräg wie meine erotomane Helene-Apotheose.« S.118f

Ich will ehrlich sein. Ich musste mich zwingen, das Buch zu lesen. Das lag vor allem an der oberflächlichen Protagonistin, deren Gedanken allein um ihr eigenes Wohl, Sex, Alkohol und Drogen kreisten. Ach, und Helene natürlich. Sie war in ihrer altklugen, hinterhältigen und dann wieder absolut reflektierten Art einfach unerträglich. Ich fragte mich wiederholt, was ihre Freundin Annika nur an ihr fand und hätte mir hierfür mehr Dialoge anstatt der immerwährenden indirekten Rede gewünscht, um die Blase unserer Protagonistin einmal zu durchbrechen. Doch da der Charakter nun einmal bewusst derart konzipiert wurde, kann ich das dem Buch wahrlich nicht zum Vorwurf machen. Immerhin mussten die Seiten an innerem Monolog möglichst interessant gefüllt werden. Hierbei empfand ich insbesondere die zahlreichen (fragwürdigen) Charakterstudien als überaus unterhaltend, wie die scharfsinnige Beobachtungsgabe unserer Protagonistin im Allgemeinen. Auch die Detailliebe der Autorin hinsichtlich der Vergleiche, Hashtags, Gedichte, (Telefonbuch-)Namen und Kapitelüberschriften ist unbedingt hervorzuheben.

 

Und dennoch: Aus einem unerfindlichen Grund kann ich mir beim besten Willen keine  Meinung über diese Geschichte bilden, sie steht gewissermaßen außerhalb einer Skala. Grundsätzlich spricht es wohl nicht für ein Buch, wenn es einem scheinbar egal ist, dabei ist das nicht einmal der Fall. Ihr seht: Ich bin ratlos.

»Die eine hat den Teint einer Quarktasche und an schlechten Tagen diese nikotinfarbigen Tränensäcke, die nach Cholera aussehen. « S.83

»Metrofolklore« ist kein spannendes Buch. Es ist auch kein besonders tiefsinniges Buch. Es ist weitestgehend vorhersehbar, es ist provokant, es ist findig und es will genauso sein. Es ist wie die Handykamera eines Katastrophentouristen, der einfach nur draufhält, ohne einzugreifen. Das Geschehen spult sich nahezu ungefiltert in einer Momentaufnahme ab, wohlgemerkt: einer überspitzten Momentaufnahme. Denn natürlich ist mir in meiner weder sonderlich begeisterten noch übermäßig abgestoßenen Stimmung bewusst, dass wir all den Irrsinn als Augenzwinkern zu verstehen haben, das auf die vielen verlorenen Seelen da draußen blickt:

»Es ist so einfach, Perspektivlosigkeit mit Leben zu verwechseln, aber gegen Stillstand hilft nur Pioniergeist.« S.103

Patricia Hempel | Metrofolklore | Tropen | 207 Seiten | Preis:  20,00€  |  ISBN 978-3-608-50381-4

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