Fauler Zauber

Es reicht. Mr. Chesneys Pilgerfahrten müssen enden. Darin sind sich alle einig. Jahr für Jahr zwingen der gewiefte Geschäftsmann und sein mächtiger Dämon sämtliche Bewohner der magischen Lande zu jener erniedrigenden Scharade, die nichts als verwüstete Felder und zahlreiche Tote hinterlässt. Grausame Magier und willenlose Haremesdamen sollen sie verkörpern, allein des Vergnügens der abenteuerlustigen Touristen aus der fremden Welt – und natürlich Mr. Chesneys Geldbeutel wegen. Doch in diesem Jahr wird alles anders, auch wenn diejenigen, die am Ende dafür verantwortlich sein werden, von den längst geschmiedeten Plänen noch nichts ahnen…

»Das Thema der Tour in diesem Jahr ist die Suche nach der einzigen verwundbaren Stelle des dunklen Fürsten. Jede Gruppe wird entsprechende Fingerzeige sammeln; die Suche endet mit dem Erlangen eines Objekts, mit dessen Hilfe man ihn besiegen kann – wir haben vorgesehen, dass es von einem Drachen im Norden bewacht wird. Höhepunkt und Ende der Tour ist folglich die Vernichtung des Dunklen Fürsten nach der Schlacht.« S.49

Und eben jenen mächtigen Endgegner soll in diesem Jahr niemand geringeres als der mäßig gewürdigte Zauberer und Hobbyzoologe Derk verkörpern, so hat es das Orakel vorhergesagt. Dumm nur, dass bei den Vorbereitungen nichts so recht zu gelingen scheint, ein chaosstiftender Dämon aus seinem Bannkreis entkommt und ein uralter Drache nach langer Zeit recht verwirrt wieder aus seinem Schlaf erwacht…

 

»Fauler Zauber« ließ mich mit gemischten Gefühlen zurück. Während die Welt nur vor Kreativität sprüht und mich nach einem entsprechenden PS4-Titel sehnen lässt, der humorvolle, detailverliebte Schreibstil herrlich und die Hintergrundgeschichte einfach nur genial genannt werden können, ist die Handlung selbst am Ende nur »ganz nett«.

Anfangs werden wir in ein Chaos entlassen, viele Charaktere, viele Perspektiven, denn Diana Wynne Jones arbeitet mit einem fröhlich-bunten Potpourri aus auktorialem und personalem Erzähler. Bei so vielen Eindrücken weiß man zunächst nicht, wohin die Reise gehen soll, der rote Faden lässt auf sich warten. Doch dann, hundert Seiten später, ist zweifelsfrei klar: Das Buch ist nicht unbedingt das, was der Klappentext vermuten lässt.

 

Wir verfolgen den unverhofft durcheinandergewirbelten Alltag von Zauberer Derks Familie, einer Mischung aus Hexenmeistern, sprechenden Greifen, fliegenden Schweinen, fleischfressenden Schafen und ziemlich fiesen Gänsen, die allesamt versuchen, die Fülle an Aufgaben, die Mr. Chesneys Pläne dem Dunklen Fürsten auferlegen, zu bewältigen.

 

Die Handlung verweilt sehr lange in diesen trüben, wenig Spannung geladenen Vorbereitungen und nimmt erst ab der Hälfte des Buches Fahrt auf. Von da an hatten mich die Story und die zuvor langwierig eingeführten Charaktere fest im Griff, wenn auch die letzten 100 Seiten im Vergleich zur anfänglichen Zähe der Geschichte beinahe gehetzt wirken.

»Darüber hinaus sind die Tourmagier ab jetzt offiziell verpflichtet sicherzustellen, dass alle auf ihrer Liste mit entbehrlich gekennzeichneten Pilger ein ruhmreiches und ehrenvolles Ende finden, vor den Augen ihrer Reisegefährten. Im letzten Jahr sind einige lebendig nach Hause zurückgekehrt, in einem anderen Fall hatte das Fehlen von Zeugen unangenehme Fragen zum Vermisstenbüro zur Folge.« S.53

Zuletzt noch ein paar Worte zu den Protagonisten. Es waren einfach zu viele. Insbesondere angesichts des stetig wechselnden An- und Abfalls ihrer Dominanz. So kam es vor, dass recht spät und wenig eingeführte Nebencharaktere zu wesentlichen Handlungsträgern avancierten und, wie die meisten Figuren, ihre Blässe bis zum Ende nicht vertreiben konnten. Überzeichnung ist hier das Stichwort, Eindimensionalität, wohl auch des Humors wegen, sodass die Charaktere eher wie Figuren eines Schachspiels wirkten, denn wie echte, denkende Lebewesen.

Am Ende hätte ich mir inhaltlich, abgesehen von einer geraffteren ersten Hälfte und geringeren Anzahl an Figuren, mehr Kapitel aus Sicht der Pilger gewünscht, vor allem angesichts der Tatsache, dass so manch Tourist eine nicht unwesentliche Rolle bei der Auflösung spielt…

 

Dennoch, wenn sie auch nicht voll ausgeschöpft worden sein mag: Die Idee hinter »Fauler Zauber« ist und bleibt genial. »The Tough Guide To Fantasyland«, das zwei Jahre vor dem Fantasy-Abenteuer erschien und den Reiseführer durch die inspirierende Welt mimt, werde ich mir also höchstwahrscheinlich bei nächster Gelegenheit zulegen…

 

Dianna Wynne Jones | Fauler Zauber | Knaur Taschenbuch | 480 Seiten | Preis:  12,99€  | ISBN: 978-3-426-52290-5

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