Das Unglück anderer Leute

Thene ist Mitte zwanzig, Doktorandin in Oxford und vor allem eines: genervt. Als reiche es nicht, dass ihre Mutter nun doch zu ihrer Abschlussfeier anreist, besteht diese darauf, trotz hervorragender Busverbindung und vorprogrammiertem Stau vom Flughafen abgeholt zu werden. Alles nur Provokation, keift Oma Patzi, während Vater Georg die aufgepeitschte Stimmung im Auto zu beruhigen versucht. Doch dann wird Astrid von einem Truck überfahren und die skurrilen Ereignisse nehmen ihren Lauf…

»Ich will nicht sagen, dass Mamas Tod sie nicht erschütterte. Und irgendwie standen wir natürlich unter Schock. Aber ein Todesfall in der Familie ist ja keine Persönlichkeitsgeneralüberholung. Sie waren beide traurig, aber immer noch die alten. Und das bedeutete vor allem eins: Sie waren immer noch geizig.« S. 73

Nele Pollatschek hat einen herrlich frischen und humorvollen, vor vorzüglichen Vergleichen sprühenden Schreibstil, der mich flugs durch die Geschichte trug, sodass ich die knapp 220 Seiten kaum bemerkte. Wir verfolgen eine Reihe verbaler Duelle, die sich szenengleich aneinanderreihen und in Verbindung mit dem großen Detailreichtum des Schreibstils dafür sorgen, dass man kaum zur Ruhe kommt.

 

Die Handlung startet mitten im Geschehen und wirft so eine Reihe von Figuren und Konflikten auf, die überfordern könnten, es aber nicht tun, da Pollatschek die Charaktere nach und nach einführt. Durch die assoziativen Gedanken Thenes, die auf diese geordnete Einführung natürlich keine Rücksicht nimmt, weil sie sämtliche Figuren ja bereits kennt, kommen die neuen Charaktere später nicht aus dem Nichts. Andererseits führt die anfängliche »Unzuordenbarkeit« trotz eingebauter Redundanzen dazu, dass Informationen beim ersten Lesen verloren gehen. Es passiert, wie bereits erwähnt, viel in Pollatscheks Schreibstil.

 

Besonders im Hinblick auf die Beschreibung Thenes, der wir zwar aus der Ich-Perspektive folgen und schnell lieb gewinnen, weil wir uns in ihrem Familienwahnsinn mit ihr identifizieren können, der wir zujubeln, wenn sie zu einer schlagfertigen Tirade ausholt, die wir aber nie so richtig kennenlernen. Denn wer sie außerhalb ihrer Familie ist, was sie bewegt, was sie fühlt, das erfahren wir nicht. Hier ist Thene tough, direkt, eine Erwachsene unter Kindern. Ihre Gefühle teilt sie kaum mit uns, blickt eher distanziert und analysierend auf das Geschehen herab, beinahe passiv, scheint sie doch meist nur auf das, was passiert, zu reagieren.

 

Angesichts der Tatsache, dass die Handlung nur wenige Tage umfasst und eher eine Momentaufnahme darstellt, könnte man dies mit der Taubheit bzw. dem Schock nach einem einschneidenden Ereignis begründen. Oder aber es ist ganz einfach der Schreibstil, der zufällig mit dieser Möglichkeit zusammenfällt. Denn man erahnte stets, was unter Thenes Oberfläche brodelte, wie sich auch der tragische Charakter der Familiengeschichte unter den distanzierten und zugleich humorvollen Äußerungen nur mühsam entfalten konnte. Ich mochte dieses Gradspiel, wenngleich andere der Geschichte sicherlich eine fehlende Tiefgründigkeit vorwerfen könnten.

»Auf einmal war ich traurig. Ich mochte Opa. Wir hatten keine sehr tiefe Beziehung. Er war eher schweigsam und zurückhaltend. Aber ich bewunderte ihn. So wie man eine deutsche Eiche bewundert.« S. 169f

Um euch einen Einblick in die »ostwestdeutsche Mischpoke« und ihr reiches Konfliktpotenzial zu geben, seien die wichtigsten Personen kurz vorgestellt:

Zunächst gäbe es da die Weltretterin Astrid, die im Tod von ihren Mitmenschen zur Heiligen gekürt wird, sich zu ihren Lebzeiten jedoch mehr um die (egoistische) gute Tat als ihre Kinder kümmerte und diese mit ihrer dominanten »ach-das-wird-schon«-Manier und den stetig wechselnden Partnern zur Weißglut trieb. Dann wäre da noch Georg, Thenes Vater, der während ihrer Kindheit nach Sorgerechtsstreitigkeiten mit Astrid für fünf Jahre spurlos verschwand und anschließend als schwul geoutet wieder in ihr Leben trat. Oder dessen katholischen Mann Christoph, seine zwischenzeitlich lesbisch »gewordene« und alkoholabhängige Mutter Liesel. Oder die vorlaute Oma Petzi, die sich einen vietnamesischen Ersatzenkel angelacht hat, den sie anstatt Thenes triezt. Oder Thenes Freund, den weltbesten Pfannkuchenbräter; Eli, ihren 15-jährigen, zaubernden Halbbruder, der so ziemlich den einzig anderen normalen Menschen in der Familie darstellt. Oder dessen Vater Ralf, der nun, nachdem er radikal jüdisch-orthodox lebt, nur noch Menachem genannt werden und mit seinem Sohn nichts zu tun haben will. Ach, und dann gibt es noch die Baby-Halbschwester Trixie, die Thene eigentlich herzlich egal ist.

 

Ihr seht: Pollatschek entwirft ein schrilles Potpourri an Figuren, deren Authentizität man sicherlich anzweifeln kann, doch in Kombination miteinander machten sie einfach nur Spaß. Bis dann das letzte Viertel des Buches anbricht, das alles, was man bisher gelesen hat, in Frage stellt und weiter ins Groteske abtaucht. In diesem Punkt scheiden sich die Geister, der eine feiert das Ende, der andere verteufelt es. Ich würde mich eher ersteren zuordnen, wenngleich sein abgehetzter Charakter doch etwas Unbehagen in mir zurückließ. Hätte die Autorin sich für die abschließenden Ereignisse etwas mehr Raum gelassen und den unterschwelligen Ernst des vorangegangenen so trotz der zunehmenden Skurrilität imitiert, wäre es in meinen Augen runder geworden.

»Im Gegensatz zu Eli war ich immer schon eher viel Lärm um wenig. Wie Iglo-Spinat in der Mikrowelle konnte ich an der Oberfläche brodeln, während mein Kern tiefgefroren blieb.« S. 112

Mein Fazit? »Das Unglück anderer Leute« fühlt sich an, wie das, was es ist: junge, frische, exzentrische Literatur, die auf verstaubte Regeln scheißt und experimentieren will. Ich mags und bin gespannt, was Nele Pollatschek nach diesem gelungenen Debut als nächstes veröffentlicht…

 

Nele Pollatschek | Das Unglück anderer Leute | Galiani Berlin | 224 Seiten | Preis:  18,99€  | ISBN: 978-3-86971-137-9

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