Die Hundegrenze

In den 60er Jahren begannen die Grenztruppen der DDR an besonders Flucht-gefährdeten Stellen mit dem Aufbau von Laufleinenanlagen, s.g. Hundetrassen. Auf drei Kilometer kamen mindestens 30 Hunde, die, an 50 bis 100m lange Laufseile gebunden, am Todesstreifen patrouillierten. Allein. Isoliert. Zurückgelassen in klirrender Kälte und praller Hitze, ohne die Chance auf menschliche oder tierische Gesellschaft, Seilklemmen verhinderten letzteres. Einmal am Tag fuhr ein Futter- und Wasserlaster die Trasse entlang, an heißen Tagen zweimal, zumindest theoretisch. Denn bei Personalmangel warteten die Hunde vergeblich auf Extrawasser…

»Doch erst während des Sommerregens stellte sich ihm das eigentliche Ausmaß ihres Durstes dar. Sie leckten an Steinen und Stöcken, an ihren Pfoten, an allem, was immer auch einen Moment die Nässe hielt. Sie verrenkten sich für die Tropfen auf ihrem Rücken und versuchten, das Rinnsal entlang ihrer Leine aufzufangen.« S. 49

1994 ist »Die Hundegrenze« erstmals als Reportage im Spiegel erschienen und vor einigen Jahren ins Programm von Matthes & Seitz aufgenommen worden. Marie-Luise Scherer schildert auf gnadenlose und schmerzlich detaillierte Weise das vergessene Schicksal der Trassenhunde und ließ mich ob der Perversität des Menschen weinend zurück. Auch Wochen nach der Lektüre hallt das beklemmende Gefühl in mir nach und mit ihm die Faszination für dieses spannende und durch Scherer hervorragend aufgearbeitete Nischenthema. Denn wir lesen mit »Die Hundegrenze« kein sprödes Sachbuch, wir lesen Geschichten, wir hören die Gedanken der Menschen, die mit den Tieren arbeiteten, die nach Mächtigkeit und Abschreckungspotenzial selektierten, ja für ihren persönlichen Ehrgeiz sogar nächtliche Diebstähle im Sperrgebiet riskierten.

»Ständig sah er den exquisiten Hund vor sich, wie dieser im Leerlauf sich verzehrte, nicht anders als die, die er die ‚tauben Nüsse‘ nannte, diese nur hundeähnlichen Dorfkreaturen, denen aus seiner Sicht der Grenzdienst erst ein Dasein bescherte.« S. 22-23

Wir sind Grenzaufklärer und Abschnittsbevollmächtigte, Großzüchter und Zivilbedienstete. Wir pflegen Freundschaften und Feindschaften, vor allem jedoch Geschäftsbeziehungen. Und wir sind Zivilisten. Menschen, die als systemtreu eingestuft wurden und kurzerhand ins Sperrgebiet ziehen mussten. Hier verfolgen wir das Schicksal der Hunde aus der Ferne und spüren den Schmerz und die Hilflosigkeit, die in einer Welt herrschen, wo unliebsame Würfe weiblicher Trassenhunde und lachhafte Exemplare kurzerhand getötet werden. Wo Hunde über das Eis eines Sees schlittern, weil sie die Futterlieferung nicht erwarten können und im Zweifel nicht einmal an die Ration herankommen, weil sie achtlos außerhalb ihrer Reichweite abgeworfen wurde. Nur um am Ende wegen eines sturen Bataillonschefs elendig zu Grunde zu gehen…

»Endlich wagte sich auch der allergütigste Soldat nicht mehr hinaus, und die Hunde begriffen, dass ihre Not nur noch Zuschauer hatte. Sie standen auf ihren gefluteten Hütten, als wateten sie auf die Belobigung eines Dompteurs. Zuerst brach das Eis unter dem Kaukasen weg. Er kämpfte einige Schwimmschläge lang. Schoschies sah seinen Kopf noch für Sekunden über Wasser.« S. 81

Ich weine und ich danke. »Die Hundegrenze« ist mein Jahreshighlight.

 

Marie-Luise Scherer | Die Hundegrenze | Matthes & Seitz | 96 Seiten | Preis:  8,99€  | ISBN: 978-3-88221-928-9

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