Litersum. Musenkuss

Wie die aufmerksamen BlogleserInnen unter euch wissen, gibt es eine Art von Büchern, die bei mir grundsätzlich schon gewonnen hat, bevor ich überhaupt auch nur eine Seite umgeblättert habe: Bücher über Bücher. Nachdem zuletzt Kai Meyer mit der Bibliomantik (»Die Seiten der Welt«, »Die Spur der Bücher«), Genevieve Cogman mit ihren diebischen BibliothekarInnen (»Die unsichtbare Bibliothek«) und – wenn ich den Rezensionen trauen darf – auch Akram El-Bahay mit seiner Bücherstadt grandiose und dabei vollkommen unterschiedliche Buch-Universen erschufen, war ich höchst gespannt auf das »Litersum« von Lisa Rosenbecker. So viel vorweg: Ihre Welt hat mich nicht enttäuscht – dafür habe ich schlicht zu wenig davon gesehen…

»Mein Name ist Winters. Malou Winters, und ich habe die Lizenz zum Küssen. «

Als Anti-Muse hat man es nicht leicht. Nicht nur wird man ständig von einer unfreundlichen Agenturchefin ohne Bezahlung dazu verdonnert, die Romanideen aufstrebender Schreiberlinge zu zerstören, sondern gehört auch noch zur unbeliebtesten Sorte Mensch des Litersums. Als jedoch ihre nächsten Kuss-Auftrags-Opfer eines nach dem anderen getötet werden, gerät Malou auf den Radar der Polizei, die gar nicht mal so unattraktiv daherkommt…

 

»Litersum. Musenkuss« ist ein Jugendbuch. Genauer: Ein Romantasy-Jugendbuch. Noch dazu ein Einzelband. Damit ist freilich nicht alles gesagt, aber doch etwas wichtiges in Bezug auf die Gewichtung der Handlung: Zwischenmenschliches liegt vor dem (vermeintlichen Krimi-)Plot und dem Litersum, es gibt viele Gefühle zu vergleichsweise wenig Handlung – alles ist ganz einfach etwas geradliniger und weniger komplexer als bei Reihen oder anders ausgerichteten Bänden. Das ist vollkommen in Ordnung, gibt es doch genug LeserInnen, die sich genau das wünschen, doch war es mir zuvor nicht richtig klar (weshalb ich etwas enttäuscht wurde), darum diese Anmerkung vorweg.

 

Rosenbecker erschafft mit ihrem humorvollen, leichten Schreibstil und dem Wurf ins Geschehen einen wirklich schönen Einstieg. Wir werden schnell in die Charaktere, die einem durch Malous herrliche Vergleiche plastisch vor Augen geführt werden, und die Welt des Litersums ohne zu viele und vor allem »auffällige« Erklärungen eingeführt. Wobei letzteres wohl auch daran liegen mag, dass unsere Protagonistin kaum etwas über die geheime Buchwelt weiß. Ein ungewöhnlicher Kniff, der mich hoffen ließ, auf den folgenden Seiten mit ihr gemeinsam die Weiten dieses Universums erforschen zu können…

 

Nunja, falsch gedacht. Was ich bekam, war eine für meinen Geschmack etwas zu schnelle Love Story und eine leicht gestrickte Detektivgeschichte. Die »echten« ErmittlerInnen und Erwachsenen waren nicht wirklich ernst zu nehmen, die Antagonisten platt und die marginalen Nachforschungen unseres Teams wirkten durch die mitunter mangelnde Vorbereitung der Wendepunkte etwas gewollt bzw. unwirklich. Doch das wäre ich zu verzeihen bereit gewesen, wäre da nicht jener bittere Wermutstropfen gewesen: Was mir fehlte, war die Begeisterung für diese geheime Welt, die dem Buch immerhin ihren Titel spendete.

Denn das Litersum bekommen wir nur zu kleinen Teilen zu Gesicht. Flüchtig, als gehörte es zur Normalität (was es für die Charaktere zum Teil absolut nicht ist), wird es nur oberflächlich beschrieben. Wo ist das Staunen über das Wunder, ein Buch zu betreten? Warum das fehlende Interesse, weiter vorzudringen, zu interagieren? Die Grenzen dieser eigentlich grenzenlosen Welt, das Fehlen weitreichender, zugrundeliegender Weltenerklärungen war schmerzlich spürbar. Vor allem, als auf den letzten Metern neue Spielregeln aus der Luft gegriffen und nur halbgar erklärt werden.

 

Ein anderes Detail, das mir bitter aufstieß, war jener Hauch von Sexismus, der hin und wieder zwischen den Zeilen schwang. Formulierungen wie »Männer!« oder »So sind Männer!« ließen sich zwar an einer Hand abzählen, doch mir persönlich ist es wichtig, diesen Punkt anzusprechen. Sicher werden nun einige unter euch mit den Augen rollen, doch Alltagssexismus ist nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.

Natürlich sind diese Äußerungen, zumal von einer weiblichen Autorin geschrieben, nicht böse gemeint, doch sie tragen, so unschuldig sie auch erscheinen, ein sexistisches Weltbild (an Jugendliche) weiter. Selbstredend ist eine Verallgemeinerung von Geschlechtern und den ihnen zugeschriebenen Eigenschaften, wie sie durch solche Aussagen impliziert wird, Quatsch. Das wissen in der Regel auch diejenigen, die sie aussprechen. Doch sie deuten dennoch darauf hin, dass ein Großteil der »Männer« so und so ist. Und wenn wir nun annähmen, das wäre tatsächlich der Fall: Warum ist das so? Weil Menschen diese leichtfertigen Aussagen treffen und so in sich selbst, Kindern wie anderen Erwachsenen ein solches Weltbild festigen. Kulturelle Aneignung. Der Kreis schließt sich. Und das gilt es zu durchbrechen. Interessanterweise taucht im Buch nicht nur (wie gesagt, nicht oft) derart offensichtlicher Sexismus auf…

 

Lasst mich euch etwas über das Litersum erzählen. Seine Herrscherin ist eine Göttin (klingt doch schonmal gut) und in ihrem Reich können Buchcharaktere ihren Büchern entsteigen und (unter Auflagen) andere Bücher, ja sogar die reale Welt betreten. Vielleicht verlieben sie sich sogar und… zeugen Kinder. Diese Kinder zwischen Mensch und Buchcharakter, insofern es sich bei letzteren um die AntagonistInnen oder HeldInnen ihrer Geschichte handelt, sind begabt, etwa die Musen und Anti-Musen. Und hier sind wir am Knackpunkt: Nur die Töchter aus der Verbindung eines männlichen Helden werden zu Musen und nur die Töchter eines männlichen Antagonisten werden zu Anti-Musen.

Ist es umgekehrt, haben wir also einen weiblichen Buchcharakter (Heldin/Antagonistin) und einen menschlichen Vater, so sind die Kinder zwar noch immer mit besonderen Fähigkeiten gesegnet, jedoch weitaus nicht so mächtig wie jene aus der »männlichen Buch-Linie«. Dass es hier hierarchische Abstufungen der Abkömmlinge gibt, wird im Verlauf der Geschichte sogar aufgegriffen. Wir haben also ein (sehen wir mal von der weiblichen Chefin des ganzen ab) auf patriarchalen Strukturen aufgebautes System im Litersum – Kinder von Männern sind mächtiger, stärker, brauchbarer. Ich möchte die Story nicht vorweg nehmen, denn die verschiedenen Abstammungsarten nach Geschlechtern spielen darin noch eine wesentliche Rolle – es gibt einen Grund, weshalb die Autorin darin unterschieden hat. Doch letztlich ist es die geschilderte Grundessenz, die bei mir hängen blieb. Wie gesagt, ich wage zu bezweifeln, dass die Autorin sexistisch sein wollte, doch es lässt sich nicht leugnen, dass ihre junge Protagonistin es – unbewusst – an mancher Stelle ist.

 

Wenn wir nun von diesem Nebenthema wieder zum großen Ganzen kommen, so möchte ich festhalten: Trotz meiner negativen Kritikpunkte hat das Buch Spaß gemacht. Es ist lustig (Kater Sheldon ist der heimliche Star), herzlich, leicht, kreativ, zum in-sich-hinein-schmunzeln – zweifellos eine Freude für viele Romantasy-Fans. Wer ein komplexes Abenteuer und eine Welt zum Verlieben sucht, der wird womöglich enttäuscht.

Doch das Litersum hätte zweifellos das Potenzial, mit einiger Überarbeitung zu etwas weitreichenderem, Überragenden ausgebaut zu werden, das ich gern erkunden würde. Vielleicht in Kombination mit einer »erwachseneren« Geschichte. Ich würde mich freuen.

 

Lisa Rosenbecker | Litersum – Musenkuss | Drachenmond Verlag | 320 Seiten | Preis eBook/Taschenbuch:  5,99€/14,90€  | ISBN: 978-3-95991-333-1

Kommentare

  1. Liebe Katharina,
    danke für deine tolle Rezension!
    Ich habe das Buch aufgrund des schönen Konzepts und Covers auf meine Leseliste gesetzt, allerdings finde ich es schade, dass es etwas Sexismus gibt und auch auf die Welt freue ich mich ja am meisten! Die schnelle Love-Story habe ich auch schon befürchtet. Allgemein wird das Buch wenn überhaupt kein Highlight für mich, aber ich werde es trotzdem mal probieren.
    Liebe Grüße
    Yvonne 🙂

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